Gartenkunst

Gartenkunst geht über die Nutzbarmachung von Land hinaus zur ästhetischen Gestaltung - sie ist die Verbindung von gärtnerischer Arbeit und künstlerischer Kreativität


Montag, 10. Dezember 2012

Gartenfreuden im Winter




Ein Garten kann  im Winter im Wechsel von Schneedecke und Tauwetter und der Abwesenheit von lebendigem Grün einen trostlosen und kahlen Eindruck machen - er kann aber auch interessant und romantisch wirken. Denn gerade im Winter treten die Strukturen der Gartenanlage klar hervor und die Wuchsformen der Pflanzen werden sichtbar.
Gegen den Gärtnerfrust im endlos erscheinenden Winter kann man sich einen schönen „Wintergarten“ planen.
Wenn man nicht den ganzen Garten so umgestalten möchte oder kann, dass er auch im Winter schön anzusehen ist, dann sollte man einfach mit einem Fleck anfangen. Ob man nun aus der Terrassentür, vom Lesesessel oder vom Frühstücksplatz aus am liebsten in den Garten schaut – genau dort sollte man einen Platz gestalten der auch in den Wintermonaten einen schönen Anblick bietet und das Gärtnerherz mit der kalten Zeit versöhnt. Auch der Vorgarten, durch den man jeden Tag ein und aus geht, bietet sich dafür an.
Für die Grundstruktur der Planung werden Bäume, Büsche und immergrüne Koniferen eingesetzt.

Traumhaft schön wirken Sträucher wie Korkenzieherweiden und Korkenzieherhasel mit ihren bizarren Zweigen. Einen schönen Kontrast vor einem dunklen Hintergrund wie einer Thuja- oder Hainbuchenhecke bildet die weiße Rinde der Himalaya-Birke (Betula utilis var. Jacquemontii). Die verschneiten Knospen von Rhododendren wecken schon die Aussicht auf eine reiche Blüte im kommenden Jahr. Farbe bringt der Hartriegel ins Spiel – am stärksten leuchten die Sorten mit roter Rinde (z.B. Cornus alba „Sibirica“), aber auch Sorten mit gelbgrüner, orangegelber oder schwarzvioletter Rinde haben nun ihren großen Auftritt. Die Triebe des Ranunkelstrauches behalten ihr Grün, auch Bambus bietet mit leuchtend gelben Halmen einen schönen Anblick.


Früchte und Beeren – da stellt sich die Frage, ob man für die Vogelwelt oder für einen möglichst lang haltenden Beerenschmuck pflanzen möchte.


Ein guter Kompromiss wäre, die Vogelgehölze in den hinteren Teil des Gartens zu setzen und die Schmuckpflanzen in der Nähe des Hauses.
Die aus Nordamerika stammende Rosa virginiana behält ihre Hagebutten im Winter, da sie von den Vögeln verschmäht werden. Zieräpfel sind so hart, dass sie von den Vögeln erst nach längerem Frost geholt werden, auch die leuchtend roten Beeren des Cotoneaster (Zwergmispel) schmücken den Strauch noch lange. Während die Vögel die roten und orangefarbenen Früchte der Vogelbeere schnell abgeerntet haben, lassen sie die gelben Sorten meistens hängen – eine gute Wahl ist zum Beispiel  die kleinwüchsige Sorbus „Joseph Rock“ mit bernsteingelben Beeren.




Immergrüne wie Buchs, Efeu und Koniferen halten im ganzen Winter den Garten grün.
Für einen warmen Farbton sorgt der golden panaschierte Spindelstrauch Euronamus fortunei „Emerald´s Gold“ , aufhellend wirken die weiß panaschierten Blätter der Sorte „Emerald Gaiety“.
Die klassischen immergrünen Koniferen können im Übermaß gepflanzt schnell langweilig und deprimierend wirken – eine Gruppe wohlmeinend ausgepflanzter Weihnachtbäume etwa kann schon nach wenigen Jahren das Maß der Gartenproportionen sprengen.
Gut ausgesucht und gezielt eingesetzt dagegen halten Koniferen im Winter die Struktur des Gartens zusammen. 

Sehr wertvoll als strukturelles Gartenelement ist zum Beispiel die langsam wachsende Säuleneibe (Taxus baccata „Fastiegata robusta“). Gerade in Verbindung mit Schnee bieten niedrige bodendeckende Koniferen ein schönes Bild. Bronzegoldene Belaubung das ganze Jahr über bietet der Wacholder „Old Gold“ (Juniperus x pfizeriana), der sich etwa einen Meter über dem Boden ausbreitet und sich besonders gut als Vorgartenpflanze macht.
Eine mäßig hohe, gut gepflegte Thujahecke fasst den Garten auch im Winter grün ein. Wird sie allerdings übermannshoch, steht zum Beispiel im Vorgarten sehr dicht am Haus und fällt dann durch schlechten Schnitt auch noch unter der Schneelast von oben auseinander, kann sie leicht bedrückend und düster wirken. Nicht so dicht und dadurch weniger beengend ist auch bei großer Höhe eine Hainbuchenhecke, die einen Teil des Laubes im Winter behält und dadurch ebenso Sicht- und Windschutz bietet.
Ältere Efeupflanzen, die ganze Hauswände über mehrere Stockwerke „bekleiden“ können, wirken mit ihren wintergrünen Blättern wunderbar an Mauern an der Nordseite oder an von unten verkahlenden alten Bäumen.  Sie bieten den Vögeln ein gutes Versteck, im Sommer einen Nistplatz und im Winter Nahrung in Form ihrer schwarzen Beeren. In manchen Wintern friert Efeu stark zurück, treibt aber meist aus dem Wurzelbereich neu aus. 



In Zeiten mit wenig Schnee sind auch manche Stauden im Winter eine schöne Bereicherung der Gartenszenerie.
Einige wintergrüne Arten behalten auch im Winter ihre Blätter, was gerade an den grauen Wintertagen ohne geschlossene Schneedecke eine schöne Wirkung hat.
Die ledrigen Blätter der neuen Bergeniensorten verfärben sich im Winter in mahagoni- , burgunder- und weinroten Tönen, wenn sie der vollen Sonne ausgesetzt sind. Sie brauchen einen gut dränierten, nicht zu nährstoffreichen Boden. Sind die Pflanzen zu gut gedüngt, fallen die Blätter nach dem ersten Frost in sich zusammen. Empfehlenswert sind zum Beispiel die Sorten „Bressingham Ruby“ (wird im Winter dunkel Mahagonibraun mit leuchtend burgunderroter Rückseite), „Eric Smith“ (burgunderrotes Laub), „Wintermärchen“ (rötlich purpurfarbene Blätter mit leuchtend scharlachroter Rückseite).
Sehr winterhart und empfehlenswert sind auch die inzwischen beliebten und in immer mehr Sorten angebotenen Purpurglöckchen oder Heuchera. Einige der alten Sorten bieten im Winter  einen Anblick des Jammers, so etwa die verbreitete „Palace Purple“. Viele gerade der neuen Züchtungen bieten aber auch bei Kahlfrösten einen schönen Anblick: zum Beispiel „Caramel“ mit ihrer außergewöhnlichen orange-caramelfarben Blattfärbung mit roter Unterseite, „Plum Pudding“ mit schimmerndem pflaumenfarbiges Laub mit silbriger Aufhellung und attraktiver Blattzeichnung, „Venus“ mit bläulich-grüner Blattfarbe und dunkler Blattzeichnung, sehr schön auch „Frosted Violet“ mit ihren rosavioletten, deutlich gelappten Blättern. Wichtig für diese Pflanzen ist ein durchlässiger Boden, der im Winter nicht vernässt – im Zweifel sollte der Boden mit Sand oder Blähton aufbereitet werden. Heuchera ist auch eine verlässliche Grabbepflanzung für sonnige und halbschattige Plätze.



Von Raureif und Schnee bedeckte Gräser und Samenstände von Stauden bieten einen romantischen Anblick – Fettehenne, Silberblatt und Rispenhortensien können auch im Schnee bezaubern. Das klebrige Brandkraut, Phlomis russeliana bietet mit seinen etagenförmig angeordneten Samenständen nicht nur ein interessantes Bild, sondern auch Nahrung für verschiedene Vogelarten. Interessante Samenstände bilden auch Montbretien, Königskerzen, Schafgarben, Echinacea, Blutweiderich und verschiedene Zierdistelarten. Sehr schön und wertvoll für Vögel ist auch der Samenstand der wilden Karde, die sich allerdings stark versamt und deren Abkömmlinge im Frühjahr zeitig gejätet werden sollten.



Neben den Pflanzen gibt es noch mobile dekorative Elemente
Zusätzlich zum dem praktischen Nutzen wirken akkurat geschichtete Holzstapel mit einer Schneedecke sehr malerisch. Schlichte hölzerne Gartenmöbel, schöne Staudenhalter, geflochtene Weidenskulpturen, Gartenleuchten, Windspiele und Vogelhäuser tragen zu einem lebendigen Gartenbild bei. Getrocknete Sonnenblumen lassen sich mit etwas Phantasie und floristischem Geschick zu interessanten Vogelfutterstellen verwandeln…und wenn es draußen so schön ist, dann kann die Wintersonne auch mal zu einer Kaffeerunde auf der Terrasse verleiten…



Buchtipp:
Eine Fülle von Anregungen mit fundiertem botanischen Wissen für die Gartengestaltung mit winterschönen Pflanzen gibt das Buch „Der winterliche Garten“ von Jane Sterndale-Bennett, erschienen bei Edition Delius. Man muss allerdings berücksichtigen, dass die Beschreibungen für das mildere englische Klima gelten – was in dem Buch als „Winterblüher“ bezeichnet wird, sind in unserem Klima (frühe) Frühlingsblüher.  Nicht alle aufgelisteten Pflanzen sind bei uns winterhart - in guten regionalen Gärtnereien wird man diese auch nur mit Hinweis auf nötigen Winterschutz anbieten.  (Klick auf das Bild führt zum Link) 

Sonntag, 25. November 2012

Blütengärten der Zukunft – Illertisser Forum 2012 Teil II



Nach der Mittagspause ging das Programm zunächst mit dem Auftritt des wunderbar "schwäbelnden" Zauberers Herr Haber weiter. Mit seinen gezielten „Irreführungen“ konnte er uns in den Bann ziehen. Er verabschiedete sich unter großem Beifall mit der Überreichung einer geschickt aus Luftballons geformten Blume an seine aus dem Publikum rekrutierte Assistentin. „Bühne frei“ für die einzige Referentin des Tages:


Vierter Vortrag: „Neun Thesen zur Zukunft der Gartenkultur“
von Andrea Heistinger, Schiltern

Andrea Heistinger   Foto: Jonas Beinder


Andrea Heistinger ist seit 2000 Lehrbeauftragte an der Universität für Bodenkultur für das Fach „Frauen in der bäuerlichen Garten- und Landwirtschaft“ und unterrichtet seit 2005 das Fach „Naturkunde“ in der Meisterklasse für Floristik von Franz Josef-Wein in Schiltern und Zwettl in Niederösterreich. 
Die „Freie Agrarwissenschaftlerin und Gärtnerin“ beschreibt die Motivation hinter ihrer Arbeit auf ihrer Homepage (http://www.kulturpflanzenkonzepte.at) wie folgt: 
„Kulturpflanzen und die Geschichten ihres In-Kultur-Nehmens faszinieren mich. Diese aufzuspüren, sichtbar zu machen und andere Menschen zu ermutigen, Pflanzen zu kultivieren, ist das Ziel meiner Arbeit. Anders gesagt: Ich suche das Besondere, das Eigensinnige und Widerspenstige, das Improvisierende und Kreative, das Nützliche und das Schöne des Kultivierens von Pflanzen und bestärke es mit meiner Arbeit.“

Ihre erste These lautete:
„Die Zukunft gehört den Nutzgärten“ , die folgende 
„Das ist kein Kennzeichen der ‚Krise’ sondern ein Stück Normalisierung“
Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es prozentual gesehen so wenig Menschen, die sich mit dem Anbau und der Produktion von Nahrungsmitteln beschäftigen. 
„Es geht um nutzbare und produktive Privatgärten genauso wie um öffentliche Flächen“ ging es weiter. 
Zu diesem Punkt folgte eine interessante Ausführung zu der Tradition der „Pflanzsteigen“, wie sie in dem Dorf Schiltern noch zu finden sind. Nach dem deutschen Rechtswörterbuch handelt es sich bei einer Pflanzsteige um einen bis zur Ernte ausgegebenen Teil des Gemeindelandes, auf denen Bürger der Gemeinde Obst oder Gemüse anbauen dürfen. In einer alten Schrift, den Niederösterreichischen Weisthümern (Wien 1896) fand Andrea Heistinger Hinweise zur Nutzung der Pflanzsteige im 16.Jahrhundert: „wo über kurz oder lang unsrer burger ainer auf der gemain ain pflanzsteig aufmacht, als lang er dieselben hat mag er ir wohl genießen doch niet verkaufen; leut si aber ain jar eed, mag di ain ander nachber wol einziehen und befriden.“ Die Nutzung der Steig war also auch mit der Verpflichtung zur Pflege verbunden, wurde sie nur ein Jahr lang nicht bebaut, konnte ein anderer das Nutzungsrecht übernehmen. Die ja flächenmäßig recht kleinen Pflanzsteigen dienten nicht zur Versorgung mit Gemüse über das ganze Jahr hinweg, sondern zu Aufzucht von Jungpflanzen, die dann auf den Äckern ausgepflanzt wurden. Die Pflanzsteigen in Schiltern sind allerdings schon lange in zu einzelnen Häusern gehörender Privatbesitz. Auf dem 5.622 Quadratmeter umfassenden Gelände sind 130 Parzellen von 14 bis 144 Quadratmeter Größe verzeichnet – viele werden von ihren Besitzern allerdings nicht mehr genutzt und liegen brach.
„Es braucht eine stärkere Verschränkung von HobbygärtnerInnen und professionellen Garten- und Landschaftsbauern“ hieß die vierte These.
Gerade bei den Amateuren sei ein riesiges Innovationspotential vorhanden, fuhr Andrea Heistinger fort und berichtigte von Amateuren, die sich in kurzer Zeit von blutigen Anfängern zu Chilispezialisten oder begnadeten Balkongärtnern entwickelten. Die Balkongärtner produzieren ihren Dünger und neue Erde meist selbst mit Hilfe einer „Regenwurmkiste“. 
Mark Ridsdill Smith liefert in seinem Blog Vertical Veg beeindruckende Beispiele, was für Ernten auf einem kleinen Balkon in London möglich sind. Eindrücklich auch die Findigkeit eines Gärtners, der trotz wenig Platz eine hohe Kiwi Ernte erzielt: Er setzte auf seine weibliche Pflanze eine männliche auf.
 „Damit Gärten nutzbar und produktiv sein können müssen Architekten ihr Handwerkzeug erweitern oder verstärkt mit Landschaftsarchitekten und Gärtnern zusammen arbeiten“. 
 Eine neue Aufgabe für Architekten sieht Heistinger darin, gärtnerisch nutzbare Freiflächen, Gärten, Balkone, Terrassen und Dächer zu planen. Dazu gehören Rankgerüste (z.B. Gitterroste als Balkongeländer), Wasseranschlüsse, Möglichkeiten zur Abdeckung, Licht und nicht zuletzt Überwinterungsmöglichkeiten für Pflanzen in Form geeigneter Lagerräume. Warum sollte nur der überdachte Stellplatz für das Auto eine Selbstverständlichkeit sein?
„Gärten sind kein Luxus sondern leistbarer Wohnraum und elementarer sozialer Begegnungsraum“ - vom privaten Gartenwohnzimmer bis zur Begegnungsstätte im Freien. 
„Gärten haben ein sehr großes Integrations- und Innovationspotential“ – Beispiele dafür sind die „Internationalen Gärten“ und Projekte wie die von Gemeinschaften unterstützten Höfe und Gärtnereien (CSA, Community supportet Agriculture), ein System das die anthroposophische Bewegung in Deutschland schon seit Jahrzehnten praktiziert. Als Beispiel wurde unter anderen die Spitalfields City Farm in London und der „Coriander Club“ genannt.
 „Der Beruf des Gärtners braucht eine Aufwertung“ – fangen wir selbst am besten gleich damit an. Ein dringender Appell an und für einen wichtigen Berufsstand! 
Gute Pflanzenkenntnisse aber auch die Fähigkeit, dieses Wissen nach außen zu tragen, sind unabdingbar dafür, dass der Beruf des Gärtners nicht nur von den Gärtnern selbst sondern auch von der Gesellschaft wieder als wichtig erachtet wird und nicht zuletzt auch besser entlohnt wird. 


Fünfter Vortrag: München wächst zusammen
von Sébastien Godon, München 

Sébastien Godon  Foto: Jonas Beinder


Sébastien Godon ist seit den Anfangzeiten im Jahr 2008 Mitglied der „inoffiziellen“ Guerilla Gardening Gruppe in München. Inzwischen wurden aus den „Guerilla Gärtnerinnen und Gärtnern“ die „GärtnerInnen von Green City“. Ich zitiere aus dem Programm des Illertisser Forums:
„Von informellen Guerilla Gardening-Aktionen über wandernde Bäume bis zu offiziellen Grünpatenschaften in Kooperation mit der Landeshauptstadt München: die Projekte der Umweltorganisation Green City e.V. begeistern und fördern das Engagement für mehr Grün in der Stadt. Zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern gestaltet der Verein Münchner Straßen grüner, freundlicher und lebenswerter.“
Godon berichtet aus den Anfangszeiten und der Lernphase, die Beteiligten  hätten bei Aktionen mit „Moosgraffiti und Samenbomben viel Spaß aber zweifelhafte Ergebnisse“ gehabt. Der soziale Aspekt stand deutlich im Vordergrund; anfangs habe sich niemand Gedanken um die Auswahl der richtigen Pflanzen oder die Pflege gemacht. „Es gab viele Leute, die tagsüber arbeiteten, aber abends mal was richtig Schräges machen wollten“ erzählte er. Später entdeckte man, dass man mit dem Einsatz von Blumenzwiebeln mit wenig Aufwand eine große Wirkung erzielen kann. 
Auf der Seite von Green City kann man sich über die Arbeit und die „Grünpaten-Aktionen“ informieren. Anwohner übernehmen die Pflege der von und mit den GärnterInnen von Green City neu gestalteten Grünflächen vor ihrer Haustüre. Ein Pate für jede Fläche schließt mit der Stadt München einen Vertrag über die Pflege der Fläche ab. Diese ist bei den trockenen und schattigen Böden in der Innenstadt durchaus eine Herausforderung. Wird die Pflege eingestellt, so verpflichtet sich der Pate dazu, die Fläche wieder in den ursprünglichen Zustand zurück zu versetzten. Ist die Ausgangslage der Fläche schlecht, so gibt es für die Pflanzen einen Zuschuss von der Stadt. Auch vom Sozialreferat gibt es Unterstützung für die Arbeit des Vereins. Wie schon von Andrea Heistinger im vorangehenden Vortrag angesprochen ist das Potential des gemeinsamen urbanen Gärtnerns enorm. Besonders der soziale Aspekt der Arbeit ist hervorzuheben – Nachbarn kommen ins Gespräch, Gruppen pflegen zusammen die Beete, Netzwerke entstehen.
Zusätzlich zum Grünpaten- Projekt gibt es inzwischen auch „Grünpaten Kids“ Mit Aktionen wie Workshops, Rallys und Quiz zur Umweltbildung werden Kinder für das urbane Gärtnern begeistert. Ähnliche Konzepte gibt es auch in Großstädten wie Berlin, Hamburg und Wien, allerdings bisher noch keine vergleichbare Organisation.
In der anschließenden Diskussion wurde ein Gegenbeispiel gebracht: in einer weniger verdichteten Siedlung mit Vorgärten wurde den Bewohnern und Besitzern von der Baugenossenschaft mit einem Vertrag vorgeschrieben, wie sie ihre Vorgärten zu bepflanzen hätten um ein einheitliches Bild zu erzielen. Durch einen Vertragsfehler wurde die Bindung nichtig, und fortan machten die Gartenbesitzer „jeder seins“ ohne sich um die Einheitlichkeit zu scheren. Angebracht war diese Geschichte als Beispiel dafür, dass die Gemeinschaftsidee in aufgelockerten Gebieten nicht funktioniert. Nur sind die Voraussetzungen hier gänzlich konträr: während im einen Beispiel Bürger ohne Garten die Möglichkeit erhalten, ein Stückchen Land relativ frei zu gestalten, sollten im anderen Bürger dazu gezwungen werden, den erworbenen Grund im Sinne einer aufgezwungenen Einförmigkeit zu gestalten - was deutlich gegen das menschliche Bedürfnis nach individueller Gestaltung steht.


Sechster Vortrag: „Biologische Invasionen – eine kritische Betrachtung gebietsfremder Organismen“ 
von Wolfgang Decrusch, Hüttisheim

Wolfgang Decrusch  Foto: Jonas Beinder


„Seit der Mensch die Erde bevölkert, führt er auf seinen Wanderungen die ihm bekannten Nutzpflanzen mit sich. In der Neuzeit sind dies vermehrt Arten zur Zierde unserer Gärten. Allein bei den Gehölzen werden über 3.000 nichteinheimische Arten in deutschen Gärten kultiviert, demgegenüber steht ein Vorkommen von etwa 200 heimischen Gehölzarten in Deutschland. Einige dieser neuen Arten konnten sich als sogenannte Neophyten erfolgreich in die heimische Vegetation einfügen und diese verändern, teilweise stellen sie eine offensichtliche Bedrohung für Natur und Mensch dar.“ (Zitat aus dem Programmheft)

Der Diplom Botaniker Wolfgang Decrusch (Homepage: Faszination Botanik.de ) ging zunächst auf die Begriffserklärung ein: 
Indigene Organismen sind  alle nach der letzten Eiszeit ohne Einfluss des Menschen eingewanderten Organismen. Diese kann man als „einheimisch“ bezeichnen. 
Antropochoren sind von Menschen eingeführte Organismen. 
Altadventive Organismen oder Archäobiotika sind Organismen die bis 1492 (also vor der Entdeckung Amerikas durch die Europäer) eingeführt wurden. 
„Archäophyten“ sind die Archäobiotika aus dem Pflanzenreich. 
Viele davon stammen aus dem Orient und wurden durch die Römer über die Alpen gebracht. Dazu zählen Getreide wie Dinkel, echte Hirse, Gerste, Weizen sowie viele fruchttragende Bäume wie Hauspflaume, Pfirsich, Aprikose, Feige, Maulbeere und die veredelte Esskastanie. Heimische Wildfrüchte hingegen sind die zum Beispiel die Schlehe und der Holzapfel. Viele Kulturpflanzen aus dieser Zeit sind inzwischen bei uns verwildert, wie der Färber-Waid (Isatis tinctoria) und die Färber-Resede (Reseda luteola), aus den Klostergärten zum Beispiel der Herzgespann und das hoch giftige schwarze Bilsenkraut. 
Auch unter den Archäophyten gibt es viele unfreiwillig eingeführte „Saatgutbegleiter“, darunter Adonisröschen, Kornblume, Kornrade, purpurrote Taubnessel, Ackerstiefmütterchen und die Strahlensame (Orlaya grandiflora). 
Neophyten sind die ab 1492 eingeführten (Neuadventiven) pflanzlichen Organismen. Neben den absichtlich importierten kamen zahlreiche unabsichtliche Einwanderer als Saatgutbegleiter, im Ballastwasser, an Schiffsrümpfen und als „wolladditive Pflanzen“ in der eingeführten Rohwolle.
Im 16. Jahrhundert kamen Blumenzwiebeln wie die Kaiserkrone, Tulpen und Hyazinthen zu uns, die Thuja wurde 1536 eingeführt, 1539 folgen Riesenkürbis, Mais und Bohnen. Im 19. Jahrhundert kamen über 1000 neue Gehölze aus Ostasien dazu. 
Nur manche der Arten, die als Zierpflanze importiert wurden, sorgen heute für Ärger. Ein Paradebeispiel ist das Indische Springkraut, das erst 1839 eingeführt wurde und sich in den Wäldern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts flächendeckend ausbreitete. Eine Pflanze produziert bis 2500 Samen innerhalb von drei Monaten, welche durch ihre lange Keimfähigkeit im Boden auf Windbruch oder andere Kahlschläge warten. Entgegen seinem schlechten Ruf dient das indische Springkraut vielen Wildbienen und Hummeln als Nahrung. Eine wirkliche Gefahr gehe vom Springkraut nicht aus, führte Decrusch aus, aber Neuansiedlungen sollte man unterlassen. Übrigens sei auch das oft als heimisch deklarierte kleinblütige Springkraut erst 1824 in Genf ausgepflanzt worden. Schon 1837 „entfloh“ es aus den botanischen Gärten in Genf und Dresden, seitdem vermehrt es sich mitsamt der auf diese Pflanze spezialisierten, mit ihm zusammen importierten Blattläusen in den Wäldern. 
Die 1829 als Zierpflanze eingeführte Staudenlupine (Lupinus polyphyllus) empfinden wir im Gegensatz zum Springkraut meist auch in Wildbeständen als Bereicherung. Allerdings ist sie in der Rhön zum Problem geworden: die stickstoffsammelnde Pflanze verändert den Boden und verdrängt so schutzwürdige Arten in nährstoffarmen Wiesengesellschaften. Wenig problematisch zeigt sich der Topinambur, der aber im Wasserrandbereich wegen der Ausgrabungen durch Wildschweine zu Erosionen führen kann. Die kanadische Goldrute wurde 1645 als Bienenweide eingeführt und hat sich über Rhizome und die immense Samenproduktion (bis zu 20.700 Samen pro Pflanze) flächig ausgebreitet. Die bestehenden Dominanzbestände seien unmöglich einzudämmen, schlecht seien sie allerdings nur in Biotopen, ansonsten nach wie vor eine gute Bienenweide erklärte Decrusch zur Goldrute. 
Anhand von vergleichenden Verbreitungskarten machte er immer wieder die teils verblüffende bis erschreckende Vermehrungsrate mancher Pflanzen deutlich. Das schmalblättrige Greiskraut etwa kam erst 1978, inzwischen zeichnet es flächendeckend die deutsche Straßenkarte nach. Die echten Problempflanzen sind natürlich die gefährlichen – der phototoxische Riesen-Bärenklau bzw. Herkulesstaude und zunehmend auch die hohe Ambrosie, Ambrosia artemisifolia. Eine Herkulesstaude produziert bis zu 30.000 Nachkommen, die Pflanze stirbt nach der Blüte ab. Die Samen sind schwimmfähig und bis zu 15 Jahre lang keimfähig. Die Ambrosie wurde mit Vogelfutter verbreitet, ihre männlichen Blüten sind hoch allergen. Weitere Informationen zum Umgang mit Ambrosia: gesundheit.bayern.de
Viele der verwildernden Pflanzen verbreiten sich nach wie vor durch die Unsitte, Gartenabfälle samt Staudenschnitt irgendwo am Waldrand zu „entsorgen“. 
In der anschließenden Diskussion fragte eine Landschaftsplanerin im Zusammenhang mit einem Auftrag, für den sie nur heimische Pflanzen einsetzen soll, „Was sind einheimische Pflanzen?“ „Für mich persönlich würde ich sagen, es gibt keine mehr“ entgegnete Decrusch und empfahl, sich an das zuständige Landratsamt zu wenden und die dort aufliegen Pflanzenlisten anzufordern. Ein weiteres Thema war die Verwendung autochtoner Sorten, eine Anforderung die im bayerischen Naturschutzgesetz aufgenommen ist. Leider würde dieser Forderung wegen der höheren Kosten für Pflanzen inzwischen immer weniger nachgekommen. Nach Erkenntnissen des  unvergessenen Karl Partsch seien die autochtonen Sorten jedoch deutlich vitaler, ein Verwässern der Population mache das gesamte System instabil. Als Beispiel wurden das durch einen Pilz verursachte Eschensterben und das Ulmensterben gebracht – alle gepflanzten Ulmen seien Klone mit dem gleichen Ursprung und somit hoch anfällig gewesen. Langfristig gesehen kommt das Pflanzen „günstiger“ Gehölze also doch wieder wesentlich teurer. Autochtone Gehölze aus Bayern kann man bei der Baumschule Wörlein  beziehen, deren Katalog auslag. Eine Anregung aus dem Publikum zum Thema „Blütengärten“: In keinem der Vorträge seien die Kleingärten erwähnt worden, man wünsche sich die Entwicklung der Schrebergärten als ein zukünftiges Thema.

Buchtipps: Andrea Heistingers "Handbuch Samengärtnerei" gehört für mich seit Jahren zu den Top Ten meiner Gartenbibliothek. Einige ihrer anderen Werke habe ich am  Büchertisch angesehen und finde sie auch sehr empfehlenswert. Das Buch "Biologische Invasionen" von Ingo Kowarik wurde von Wolfgang Decrusch als Standartwerk empfohlen.






Samstag, 24. November 2012

Blütengärten der Zukunft - Illertisser Forum 2012


Was blüht uns wohl in Zukunft in unseren Gärten, Parks und Anlagen?
Rund um dieses Thema waren sechs hochkarätige Referenten geladen, die am diesjährigen Fachtag der Stiftung Gartenkultur interessante Vorträge in der historischen Schranne in Illertissen hielten.
„Es wird heute viel Geld ausgegeben, um Gärten zu verhindern“ lautete ein Statement von Dieter Gaissmayer, der zur Begrüßung einen Diavortrag zur zunehmenden „Versteinerung“ der Vorgärten zeigte. Die These, dass manche „Gartenbaubetriebe“ heute eher Gartenverhinderungsbetriebe sind, wurde durch das Werbevideo einer solchen Firma eindrücklich belegt. (Bilder zu diesem Thema siehe auch: Metarmorphose derVorgärten
Das Wort übernahm dann Professor Lutz Fischer aus Benkel als Moderator, der punktgenau dafür sorgte dass der Zeitplan eingehalten wurde. 

Ein Blütengarten der Gegenwart: Saatmischung "Gönninger Sommerpracht", hier in der Gärtnerei Gaissmayer im Sommer 2012   Foto: Barbara Ehlert


Erster Vortrag: „Blütengärten der Zukunft“ 
von Axel Heinrich, Hochschule Wädenswil 

Axel Heinrich  Foto: Jonas Beinder


Axel Heinrich berichtete zunächst von der Hochschule Wädenswil, wo Studenten in einer dreiteiligen Ausbildung (Bachelor/ Praktikumszeit/ Masterstudium) hoffentlich zu „visionären BlütengärtnerInnen“ ausgebildet werden. Im „Zentrum urbaner Gartenbau“ ist die Fachstelle Pflanzenverwendung inzwischen in vier Fachstellen untergliedert – Dachbegrünung, Freiraummanagement, Grün und Gesundheit und Pflanzenverwendung (mehr unter:  http://www.lsfm.zhaw.ch/de/science/iunr-urbanergartenbau.html)
Die Forschung in Wädenswil befasst sich unter anderem mit der Zukunft des Stadtgrüns – Themen wie Urban Farming, Soziale Gärten, Vertikale Begrünungen und Urban Forestry sind hoch aktuell. 
Die Planung von nachhaltigen, sich verändernden, dynamischen und dennoch ganzjährig attraktiven Pflanzkonzepten ist ein hohes Ziel für Heinrich, das er in seinem Vortrag erläuterte. Weg von naturfernen Baumreihen und regelmäßigen Hecken hin zum „Landschaftstyp“ unregelmäßiger Hecken mit Schleppe (Gehölzsaum) ist ein Konzept, das Heinrichs auch für städtische Pflanzungen verwirklichen will. Die Grundlagen der Staudenmischpflanzung sollte auch  bei der Verwendung von Gehölzen eingesetzt werden: Die geschickte Kombination von schnell- und langsam wachsenden, dienenden (Pioniergehölze), führenden (Klimaxgehölze)  und begleitenden Gehölzen ist die Aufgabe an Landschaftsplaner. Auch regt er an, Gehölze nicht zu sehr zu „vergärtnern“ und zu „bemuttern“ sondern sie sich ihrem natürlichen Zyklus entwickeln zu lassen. Die Raumbildung gilt es durch die räumliche Staffelung von Baumschicht und Strauchschicht zu erreichen, wobei auch der Aspekt der zeitlichen Dynamik einer Pflanzung eine große Rolle spielt. Weitere Inhalte des Vortrags: „Gartenraum ausschöpfen“ („Das Haus ordnet sich dem Garten unter!“/ diagonale Blicke schaffen/ Pflanzenwahl – schneckenfest und langlebig/ das Aufasten von Bäumen bringt mehr Licht für die Unterpflanzungen), temporäre Blütengärten mit einjährigen Aussaaten als „Lebendmulch“ und Zeigerpflanzen zur besseren Beurteilung des Bodens, Zeitpunkt und Technik des Pflegeschnitts (Balkenmäher oder Heckenschere anstelle von Rasenmäher oder Freischneider). 
Ein wichtiges Thema war auch die  Erstellung von „Ereigniskalendern“ als Werkzeug für bessere Planung und leichteres Erfassen der Planung für den Bauherren. Auf Tabellen werden geordnet nach Gruppen – Leitgehölze, begleitende Gehölze, Stauden, Geophyten, Zwiebeln, Einjährigen usw. unter Berücksichtigung von Schatten und Sonnenflächen Ereignisse wie Austrieb, Blüte, Ernte, Herbstfärbung und Winteraspekt eingetragen.
In der anschließenden Fragerunde erläuterte Axel Heinrich noch, wie er bei der Planung von blühenden Flächen im öffentlichen Grün mit der Bodenanalyse verfährt. „Wenn ich gar nicht weiß was mir blüht, nehme ich Einjährige“, häufig mit Beimischung von Roggen, Weizen und Sonnenblumen. Wegen Unkrautdrucks lässt er häufig zehn Zentimeter Boden abtragen und mit Betonsand auffüllen. Von der Anlieferung von Humus, selbst mit Zertifikat, riet er ausdrücklich ab. Auch bei der Verwendung von Ruderalpflanzen pflanzt er in einer Dichte von acht bis zehn Pflanzen pro Quadratmeter, bei einer weiteren Pflanzung der Stauden bringt er Einjährige als Saatgut oder Kleinballen mit ein.
Link zu Veröffentlichungen von Axel Heinrich in der Porträtdatenbank der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften: Axel Heinrich/Publikationen

Zweiter Vortrag: „Blütengärten der Zukunft Teil II“
von Jonas Reif, verantwortlicher Redakteur der „Gartenpraxis“

Jonas Reif    Foto: Jonas Beinder


         Jonas Reif hat die Rubrik „Blütengärten der Zukunft“ in der Zeitschrift "Gartenpraxis" entwickelt, an die sich der Titel des Fachtags anlehnt. Sein Thema waren „Grüne Modewellen“, die Verbindung bekannter alter Konzepte und Techniken mit neuen Ideen, aktuelle Strömungen und zukünftige Entwicklungen.
       Zur Einstimmung gab es ein unkommentiertes Video – eine langsame Fahrt entlang einer Straße in einer Bungalowsiedlung in Glückstadt bei Hamburg, aufgenommen 2008. Die steife, langweilige Begrünung der Vorgärten ließ in keiner Weise erkennen, dass es in Deutschland eine zunehmende Begeisterung für Gartengestaltung und Gärtnern geben soll.
       Die Einblendung des Spruchs „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“ ( wird sowohl Mark Twain, Karl Valentin, Niels Bohr und Winston Churchill zugeschrieben) sorgte dann für allgemeine Heiterkeit.
      Wie sind Prognosen möglich“ lautete die Frage - „man muss in die Vergangenheit schauen und dann die Schnittstellen zu aktuellen Tendenzen suchen“ die Antwort für eine mögliche Vorgehensweise.
       Als Beispiel brachte Jonas Reif die Kombination von PC und Telefon, eine Entwicklung die sich zehn Jahren kaum jemand vorstellen konnte. Derzeitige Trends in der Gartenwelt sind im privaten Bereich der Selbstversorgergarten (Buchtipp „Unser Garten ist Gold wert“) mit einem sich langsam ankündigenden Revival der Gewächshäuser („Freilandanbau ist mit Enttäuschungen verbunden“) und Urban Gardening mit dem hoch aktuellen Thema „City farming“, der Planung von Hochhäusern mit Flächen zur Lebensmittelproduktion.
       „Citytrop und Coppicing – neue Vegetationsbilder für Städte“ war Reifs zweiter Programmpunkt, in dem es um den Einsatz von Gehölzen in gemischten Bepflanzungen geht. Anhand von Beispielen von klassischen englischen Mixed Boarders mit in Form geschnittenen Gehölzen und Pflanzungen von Piet Oudolf wird klar, dass diese Kombination nicht neu ist.
       Die Methode, Gehölze  „auf den Stock“ zu setzen, ist mit „Coppicing“ bezeichnet und kann sowohl in öffentlichen Pflanzungen wie auch in Privatgärten erfolgreich eingesetzt werden, um ein zu hohes Auswachsen der Gehölze zu verhindern.  
       Pflanzen wie die „Ghettopalme“ Ailanthus altissima bringen eine tropisch anmutende Vegetation in staubige Straßen und Hinterhöfe („Citytrop“). Anmerkung: als „Ghettopalme“ wird in der Szenesprache eine Frisur mit steil nach oben gebundenem Zopf bezeichnet. Auch der Perückenstrauch, (Cotinus coggygria) und der Fenchelholzbaum (Sassafras officinalis Nees) mit seinen dreigelappten Blättern und dem schönen gelb- bis purpurfarbenen Herbstlaub passen in die Auswahl interessanter Gehölze, die durch ihre Farben, Blattformen und Texturen die Anlagen bereichern.
Black Box Gardening® war das nächste Sujet, das durch Stichworte wie beobachten...experimentieren...stetiges eingreifen...dennoch wachsen lassen...Versamung zulassen...und andere umschrieben wurde.
Als Beispiel für diese Art der Gartengestaltung nannte Reif einen seiner Lieblingsplätze, Derek Jarman´s Garten auf der Halbinsel Dungeness in Kent. Black Box Gardening strebt keine dauerhaften Bilder an, sondern immer nur Momentaufnahmen in einer andauernden Entwicklung.
Nach der Standortanalyse sucht sich der Gestalter entweder seine bevorzugten für diese Fläche geigneten Pflanzen, oder er verändert den Standort um gewünschte Pflanzen dort anzusiedeln. In der Umsetzung erfolgt eine Initialpflanzung oder/und Aussaat. Der nächste Schritt ist die Gestaltung durch gezielte Pflegemaßnahmen. Im Stadium der Keimung sind dies das Ausjäten oder die Verpflanzung von Sämlingen zur räumlich besseren Verteilung, in der adulten Phase das Entfernen von einzelnen Pflanzen zur Herstellung der gewünschten Proportionen, Farbverhältnissen und der Herausarbeitung von Strukturen, während der Reifephase (Fruktifikation) das Entfernen von Fruchtständen zur Begrenzung der Versamung und schließlich die Verbreitung bestimmter Pflanzen durch das Verteilen von Samenständen. Geeignete Pflanzen für diese Methode sind Verbena bonariensis, Akelei, Wiesenkerbel, Lycnis, Lenzrosen, Alchemilla mollis, Stockrosen, Spornblumen und andere vermehrungsfreudige Blumenarten. Als Abschluss des Vortrags brachte Jonas Reif zum Gedenken an den am 18.11. verstorbenen Garten- und Landschaftsgestalters Peter Gaunitz ein Zitat aus Gaunitz’ Beitrag in der Reihe „Blütengärten der Zukunft“ in der Gartenpraxis 02/12. Abonnenten der "Gartenpraxis" können sich unter diesem Link den ganzen Artikel herunterladen.
„In meinem ‚Blütengarten der Zukunft’ wünsche ich mir mehr ökologisch-dynamische Pflanzungen und Landschaften, in denne Entwicklung zum Konzept gehört, Pflanzen sich von selbst versamen und ausbreiten können, Laub von Insekten angefressen werden darf und Biodiversität Priorität genießt.“

In der anschließenden Diskussion ging es teilweise hoch her – von der Empörung über das ® beim Black Box Gardening®, der neumodische Bezeichnung „Coppycing“ für die altbewährte Technik des „auf den Stock setzen“ und die berechtigte und breit diskutierte Frage nach der Pflege solcher Anlagen engagierten sich die ZuhörerInnen. Um nichts anderes als die Verknüpfung alter Techniken mit neuen Ideen sei es in seinem Vortrag schließlich gegangen, erklärte Jonas Reif,  und zu den neuen Begriffen meinte er, der Name „Computer im Handtaschenformat“ als Bezeichnung für das Handy wäre „auch nicht cool gewesen“ Sehr elegant war auch der Tipp, als beauftragter Gestalter „wir betreuen den Garten“ anzubieten anstatt mit einem „Pflegevertrag“ zu winken.


Dritter Vortrag: Pflanzenverwendung - Pure Romantik oder schlichtes Kalkül
von Mark Krieger, Hamburg

Mark Krieger und Moderator Fischer (rechts) am Rednerpult in der Schranne   Foto: Jonas Beinder

Der in Hamburg arbeitende Gartenarchitekt Mark Krieger begann seinen Vortrag mit dem Appell, man solle „endlich aufhören zu jammern über zu wenig Wissen im Garten“. 
Als Planer müsse man Ehrlichkeit und Transparenz gegenüber dem Bauherrn mitbringen. In humoristischer Weise trug er die Anforderungen an die gewünschte Pflanzung vor: „Es muss schön sein...das ganze Jahr schön sein...darf keine Allergien auslösen...keine Giftpflanzen...darf nichts kosten...darf keine Arbeit machen...“ Allgemeines Lachen zeigte, das diese Leier den Zuhörern bekannt vorkam. 
Mark Krieger entwirft reine Pflanzplanungen. Inspiration holt sich der „gnadenlose Romantikkrieger“ zum Beispiel im Niederwald („das alte Wort für Coppycing“) und an aufgelassenen Flächen, deren Revitalisierung durch Samenflug ihn fasziniert.„Rückbesiedelungsorte“ sind für ihn die pure Romantik, auch wenn es sich „nur“ um langsam ergrünende Fugen im Asphalt handelt.
Wo sind wir, wo gehen wir hin – wollen wir den Kontrast oder gehen wir auf den Standort ein?“ ist der nächste Schritt der Planung.Ob wir nun der puren Romantik der ich verhaftet bin eine Chance einräumen hat mit der Dimension zu tun, in der wir uns befinden“ erläutert er mit einem Verweis auf das Werk „Miniatur und Panorama“ des Landschaftsarchitekten Günther Vogt. Eine große Rolle bei der Planung spiele „auch die Dynamik der Geschwindigkeit mit der wir uns bewegen“. Eine Landschaft die wir schnell mit dem Zug oder dem Auto durchqueren wird völlig anders wahrgenommen als eine, in der die wir uns zu Fuß bewegen. Das Beispiel einer Straße durch einen Lorbeerwald mit Kronenschluss zeigte vom Auto aus erlebbare Romantik. 
Um pures Kalkül ging es in der Planung des Küchengartens in Schwerin anlässlich der Bundesgartenschau. 
Erklärte Aufgabe an die Planer ist „Die Leistungsfähigkeit des deutschen Gartenbaus zu zeigen“. Der Entwurf mit Kreisen in verschiedenen Farbtönen – Purpur, Rot, Pink, Gelb, Weiß und an den Rändern der Anlage blau blühende Pflanzen fand den Gefallen der Auftraggeber. Die Kreisform ermöglichte zum einen eine großzügige Wegeführung für die zahlreichen Besucher und zum anderen durch die von allen Seiten gut einsehbare Form die Verwendung vieler verschiedener Pflanzen. Mark Krieger erzählte in sehr unterhaltsamen Plauderton vom psychologisch geschickten Umgang mit den Bauherren – etliche Lachsalven hielten uns Zuhörer wach und bei guter Laune. Fotos und Skizzen wurden als wichtige Tools für die Kommunikation mit dem Auftraggeber gezeigt, ebenso sollte man sich in der Beschreibung des Vorhabens Gedanken um die Wortwahl machen. „Graulaubige Heilkräuter, beruhigender Salbei, anregender Wermut.....lieblich, zart, jedoch konkret“ sind Beispiele für Formulierungen, die Assoziationen und Gefühle wecken. Auf die unweigerliche Frage „Blüht denn da immer was“ mit „Auch wenn wir da mal nur Struktur haben, ist es ansehnlich und Heilkräuter blühen ja per se nicht“ (wie war das mit dem Salbei??) zu antworten ist sicher geschickter als mit „nein aber meistens“ zu antworten. 
Noch ein guter Tipp von Mark Krieger – er versieht Pflanzpläne, die in vielen Exemplaren gedruckt werden, nur mit Nummern und Buchstaben. Die erklärende Pflanzliste macht er getrennt vom Plan, da man so leichter Änderungen von Pflanzenarten und –sorten vornehmen kann, ohne gleich alle Pläne neu drucken zu müssen. Dieses Verfahren ist ja von Farbkatalogen bekannt, wo die Preislisten extra beigelegt werden. Nett auch, wie er auf die Frage nach der Pflege der Anlage eingeht – mit dem Vergleich des Zähneputzens, das man je nach persönlicher Neigung täglich, wöchentlich oder einmal jährlich erledigen könne, dann aber auch mit den Konsequenzen leben müsse, denn man wisse ja, wozu das führt...
Als Planungsbeispiele ging Krieger neben der Gartenschau Schwerin auf das neue Hochschulgelände in Dublin, eine „Instant Gardening“ Planung in Bad Essen zur Landesgartenschau und auf  Projekte in Hamburg ein. Diese kann man unter dem Link http://www.pflanzungen.de anschauen und als PDF herunterladen. Zum Abschluss noch etwas „aus dem Nähkästchen“ des wortgewandten Planers: Grünflächen für die Anlage in Dublin unter das Motto „Irish meadows“  und in Hamburg „Deichwiesen“ zu stellen ist sicher eine geschickte Verknüpfung von Romantik und Kalkül. Nicht nur ich hätte Krieger leicht noch ein, zwei Stunden mit Vergnügen zugehört, aber nun gingen wir heiteren Gemütes in die Mittagspause.




Buchtipps: "Miniatur und Panorama" von Günther Vogt kann man unter diesem Link bestellen. 
Interessant ist vielleicht für manche, das Buch von Karl Foerster zum Thema "Blütengärten der Zukunft" zu studieren, das vor 1922 geschrieben und nun neu aufgelegt wurde.

Im folgenden Teil II  geht es um die Vorträge von Andrea Heistinger zum Thema "Essbare Gärten", Sébastian Gordon unter dem Titel "München wächst zusammen" über "Green City e.V. München" und Wolfgang Decrusch zu "Gebietsfremde Pflanzen als Gefahr für die heimische Natur?"
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