Gartenkunst

Gartenkunst geht über die Nutzbarmachung von Land hinaus zur ästhetischen Gestaltung - sie ist die Verbindung von gärtnerischer Arbeit und künstlerischer Kreativität


Samstag, 24. November 2012

Blütengärten der Zukunft - Illertisser Forum 2012


Was blüht uns wohl in Zukunft in unseren Gärten, Parks und Anlagen?
Rund um dieses Thema waren sechs hochkarätige Referenten geladen, die am diesjährigen Fachtag der Stiftung Gartenkultur interessante Vorträge in der historischen Schranne in Illertissen hielten.
„Es wird heute viel Geld ausgegeben, um Gärten zu verhindern“ lautete ein Statement von Dieter Gaissmayer, der zur Begrüßung einen Diavortrag zur zunehmenden „Versteinerung“ der Vorgärten zeigte. Die These, dass manche „Gartenbaubetriebe“ heute eher Gartenverhinderungsbetriebe sind, wurde durch das Werbevideo einer solchen Firma eindrücklich belegt. (Bilder zu diesem Thema siehe auch: Metarmorphose derVorgärten
Das Wort übernahm dann Professor Lutz Fischer aus Benkel als Moderator, der punktgenau dafür sorgte dass der Zeitplan eingehalten wurde. 

Ein Blütengarten der Gegenwart: Saatmischung "Gönninger Sommerpracht", hier in der Gärtnerei Gaissmayer im Sommer 2012   Foto: Barbara Ehlert


Erster Vortrag: „Blütengärten der Zukunft“ 
von Axel Heinrich, Hochschule Wädenswil 

Axel Heinrich  Foto: Jonas Beinder


Axel Heinrich berichtete zunächst von der Hochschule Wädenswil, wo Studenten in einer dreiteiligen Ausbildung (Bachelor/ Praktikumszeit/ Masterstudium) hoffentlich zu „visionären BlütengärtnerInnen“ ausgebildet werden. Im „Zentrum urbaner Gartenbau“ ist die Fachstelle Pflanzenverwendung inzwischen in vier Fachstellen untergliedert – Dachbegrünung, Freiraummanagement, Grün und Gesundheit und Pflanzenverwendung (mehr unter:  http://www.lsfm.zhaw.ch/de/science/iunr-urbanergartenbau.html)
Die Forschung in Wädenswil befasst sich unter anderem mit der Zukunft des Stadtgrüns – Themen wie Urban Farming, Soziale Gärten, Vertikale Begrünungen und Urban Forestry sind hoch aktuell. 
Die Planung von nachhaltigen, sich verändernden, dynamischen und dennoch ganzjährig attraktiven Pflanzkonzepten ist ein hohes Ziel für Heinrich, das er in seinem Vortrag erläuterte. Weg von naturfernen Baumreihen und regelmäßigen Hecken hin zum „Landschaftstyp“ unregelmäßiger Hecken mit Schleppe (Gehölzsaum) ist ein Konzept, das Heinrichs auch für städtische Pflanzungen verwirklichen will. Die Grundlagen der Staudenmischpflanzung sollte auch  bei der Verwendung von Gehölzen eingesetzt werden: Die geschickte Kombination von schnell- und langsam wachsenden, dienenden (Pioniergehölze), führenden (Klimaxgehölze)  und begleitenden Gehölzen ist die Aufgabe an Landschaftsplaner. Auch regt er an, Gehölze nicht zu sehr zu „vergärtnern“ und zu „bemuttern“ sondern sie sich ihrem natürlichen Zyklus entwickeln zu lassen. Die Raumbildung gilt es durch die räumliche Staffelung von Baumschicht und Strauchschicht zu erreichen, wobei auch der Aspekt der zeitlichen Dynamik einer Pflanzung eine große Rolle spielt. Weitere Inhalte des Vortrags: „Gartenraum ausschöpfen“ („Das Haus ordnet sich dem Garten unter!“/ diagonale Blicke schaffen/ Pflanzenwahl – schneckenfest und langlebig/ das Aufasten von Bäumen bringt mehr Licht für die Unterpflanzungen), temporäre Blütengärten mit einjährigen Aussaaten als „Lebendmulch“ und Zeigerpflanzen zur besseren Beurteilung des Bodens, Zeitpunkt und Technik des Pflegeschnitts (Balkenmäher oder Heckenschere anstelle von Rasenmäher oder Freischneider). 
Ein wichtiges Thema war auch die  Erstellung von „Ereigniskalendern“ als Werkzeug für bessere Planung und leichteres Erfassen der Planung für den Bauherren. Auf Tabellen werden geordnet nach Gruppen – Leitgehölze, begleitende Gehölze, Stauden, Geophyten, Zwiebeln, Einjährigen usw. unter Berücksichtigung von Schatten und Sonnenflächen Ereignisse wie Austrieb, Blüte, Ernte, Herbstfärbung und Winteraspekt eingetragen.
In der anschließenden Fragerunde erläuterte Axel Heinrich noch, wie er bei der Planung von blühenden Flächen im öffentlichen Grün mit der Bodenanalyse verfährt. „Wenn ich gar nicht weiß was mir blüht, nehme ich Einjährige“, häufig mit Beimischung von Roggen, Weizen und Sonnenblumen. Wegen Unkrautdrucks lässt er häufig zehn Zentimeter Boden abtragen und mit Betonsand auffüllen. Von der Anlieferung von Humus, selbst mit Zertifikat, riet er ausdrücklich ab. Auch bei der Verwendung von Ruderalpflanzen pflanzt er in einer Dichte von acht bis zehn Pflanzen pro Quadratmeter, bei einer weiteren Pflanzung der Stauden bringt er Einjährige als Saatgut oder Kleinballen mit ein.
Link zu Veröffentlichungen von Axel Heinrich in der Porträtdatenbank der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften: Axel Heinrich/Publikationen

Zweiter Vortrag: „Blütengärten der Zukunft Teil II“
von Jonas Reif, verantwortlicher Redakteur der „Gartenpraxis“

Jonas Reif    Foto: Jonas Beinder


         Jonas Reif hat die Rubrik „Blütengärten der Zukunft“ in der Zeitschrift "Gartenpraxis" entwickelt, an die sich der Titel des Fachtags anlehnt. Sein Thema waren „Grüne Modewellen“, die Verbindung bekannter alter Konzepte und Techniken mit neuen Ideen, aktuelle Strömungen und zukünftige Entwicklungen.
       Zur Einstimmung gab es ein unkommentiertes Video – eine langsame Fahrt entlang einer Straße in einer Bungalowsiedlung in Glückstadt bei Hamburg, aufgenommen 2008. Die steife, langweilige Begrünung der Vorgärten ließ in keiner Weise erkennen, dass es in Deutschland eine zunehmende Begeisterung für Gartengestaltung und Gärtnern geben soll.
       Die Einblendung des Spruchs „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“ ( wird sowohl Mark Twain, Karl Valentin, Niels Bohr und Winston Churchill zugeschrieben) sorgte dann für allgemeine Heiterkeit.
      Wie sind Prognosen möglich“ lautete die Frage - „man muss in die Vergangenheit schauen und dann die Schnittstellen zu aktuellen Tendenzen suchen“ die Antwort für eine mögliche Vorgehensweise.
       Als Beispiel brachte Jonas Reif die Kombination von PC und Telefon, eine Entwicklung die sich zehn Jahren kaum jemand vorstellen konnte. Derzeitige Trends in der Gartenwelt sind im privaten Bereich der Selbstversorgergarten (Buchtipp „Unser Garten ist Gold wert“) mit einem sich langsam ankündigenden Revival der Gewächshäuser („Freilandanbau ist mit Enttäuschungen verbunden“) und Urban Gardening mit dem hoch aktuellen Thema „City farming“, der Planung von Hochhäusern mit Flächen zur Lebensmittelproduktion.
       „Citytrop und Coppicing – neue Vegetationsbilder für Städte“ war Reifs zweiter Programmpunkt, in dem es um den Einsatz von Gehölzen in gemischten Bepflanzungen geht. Anhand von Beispielen von klassischen englischen Mixed Boarders mit in Form geschnittenen Gehölzen und Pflanzungen von Piet Oudolf wird klar, dass diese Kombination nicht neu ist.
       Die Methode, Gehölze  „auf den Stock“ zu setzen, ist mit „Coppicing“ bezeichnet und kann sowohl in öffentlichen Pflanzungen wie auch in Privatgärten erfolgreich eingesetzt werden, um ein zu hohes Auswachsen der Gehölze zu verhindern.  
       Pflanzen wie die „Ghettopalme“ Ailanthus altissima bringen eine tropisch anmutende Vegetation in staubige Straßen und Hinterhöfe („Citytrop“). Anmerkung: als „Ghettopalme“ wird in der Szenesprache eine Frisur mit steil nach oben gebundenem Zopf bezeichnet. Auch der Perückenstrauch, (Cotinus coggygria) und der Fenchelholzbaum (Sassafras officinalis Nees) mit seinen dreigelappten Blättern und dem schönen gelb- bis purpurfarbenen Herbstlaub passen in die Auswahl interessanter Gehölze, die durch ihre Farben, Blattformen und Texturen die Anlagen bereichern.
Black Box Gardening® war das nächste Sujet, das durch Stichworte wie beobachten...experimentieren...stetiges eingreifen...dennoch wachsen lassen...Versamung zulassen...und andere umschrieben wurde.
Als Beispiel für diese Art der Gartengestaltung nannte Reif einen seiner Lieblingsplätze, Derek Jarman´s Garten auf der Halbinsel Dungeness in Kent. Black Box Gardening strebt keine dauerhaften Bilder an, sondern immer nur Momentaufnahmen in einer andauernden Entwicklung.
Nach der Standortanalyse sucht sich der Gestalter entweder seine bevorzugten für diese Fläche geigneten Pflanzen, oder er verändert den Standort um gewünschte Pflanzen dort anzusiedeln. In der Umsetzung erfolgt eine Initialpflanzung oder/und Aussaat. Der nächste Schritt ist die Gestaltung durch gezielte Pflegemaßnahmen. Im Stadium der Keimung sind dies das Ausjäten oder die Verpflanzung von Sämlingen zur räumlich besseren Verteilung, in der adulten Phase das Entfernen von einzelnen Pflanzen zur Herstellung der gewünschten Proportionen, Farbverhältnissen und der Herausarbeitung von Strukturen, während der Reifephase (Fruktifikation) das Entfernen von Fruchtständen zur Begrenzung der Versamung und schließlich die Verbreitung bestimmter Pflanzen durch das Verteilen von Samenständen. Geeignete Pflanzen für diese Methode sind Verbena bonariensis, Akelei, Wiesenkerbel, Lycnis, Lenzrosen, Alchemilla mollis, Stockrosen, Spornblumen und andere vermehrungsfreudige Blumenarten. Als Abschluss des Vortrags brachte Jonas Reif zum Gedenken an den am 18.11. verstorbenen Garten- und Landschaftsgestalters Peter Gaunitz ein Zitat aus Gaunitz’ Beitrag in der Reihe „Blütengärten der Zukunft“ in der Gartenpraxis 02/12. Abonnenten der "Gartenpraxis" können sich unter diesem Link den ganzen Artikel herunterladen.
„In meinem ‚Blütengarten der Zukunft’ wünsche ich mir mehr ökologisch-dynamische Pflanzungen und Landschaften, in denne Entwicklung zum Konzept gehört, Pflanzen sich von selbst versamen und ausbreiten können, Laub von Insekten angefressen werden darf und Biodiversität Priorität genießt.“

In der anschließenden Diskussion ging es teilweise hoch her – von der Empörung über das ® beim Black Box Gardening®, der neumodische Bezeichnung „Coppycing“ für die altbewährte Technik des „auf den Stock setzen“ und die berechtigte und breit diskutierte Frage nach der Pflege solcher Anlagen engagierten sich die ZuhörerInnen. Um nichts anderes als die Verknüpfung alter Techniken mit neuen Ideen sei es in seinem Vortrag schließlich gegangen, erklärte Jonas Reif,  und zu den neuen Begriffen meinte er, der Name „Computer im Handtaschenformat“ als Bezeichnung für das Handy wäre „auch nicht cool gewesen“ Sehr elegant war auch der Tipp, als beauftragter Gestalter „wir betreuen den Garten“ anzubieten anstatt mit einem „Pflegevertrag“ zu winken.


Dritter Vortrag: Pflanzenverwendung - Pure Romantik oder schlichtes Kalkül
von Mark Krieger, Hamburg

Mark Krieger und Moderator Fischer (rechts) am Rednerpult in der Schranne   Foto: Jonas Beinder

Der in Hamburg arbeitende Gartenarchitekt Mark Krieger begann seinen Vortrag mit dem Appell, man solle „endlich aufhören zu jammern über zu wenig Wissen im Garten“. 
Als Planer müsse man Ehrlichkeit und Transparenz gegenüber dem Bauherrn mitbringen. In humoristischer Weise trug er die Anforderungen an die gewünschte Pflanzung vor: „Es muss schön sein...das ganze Jahr schön sein...darf keine Allergien auslösen...keine Giftpflanzen...darf nichts kosten...darf keine Arbeit machen...“ Allgemeines Lachen zeigte, das diese Leier den Zuhörern bekannt vorkam. 
Mark Krieger entwirft reine Pflanzplanungen. Inspiration holt sich der „gnadenlose Romantikkrieger“ zum Beispiel im Niederwald („das alte Wort für Coppycing“) und an aufgelassenen Flächen, deren Revitalisierung durch Samenflug ihn fasziniert.„Rückbesiedelungsorte“ sind für ihn die pure Romantik, auch wenn es sich „nur“ um langsam ergrünende Fugen im Asphalt handelt.
Wo sind wir, wo gehen wir hin – wollen wir den Kontrast oder gehen wir auf den Standort ein?“ ist der nächste Schritt der Planung.Ob wir nun der puren Romantik der ich verhaftet bin eine Chance einräumen hat mit der Dimension zu tun, in der wir uns befinden“ erläutert er mit einem Verweis auf das Werk „Miniatur und Panorama“ des Landschaftsarchitekten Günther Vogt. Eine große Rolle bei der Planung spiele „auch die Dynamik der Geschwindigkeit mit der wir uns bewegen“. Eine Landschaft die wir schnell mit dem Zug oder dem Auto durchqueren wird völlig anders wahrgenommen als eine, in der die wir uns zu Fuß bewegen. Das Beispiel einer Straße durch einen Lorbeerwald mit Kronenschluss zeigte vom Auto aus erlebbare Romantik. 
Um pures Kalkül ging es in der Planung des Küchengartens in Schwerin anlässlich der Bundesgartenschau. 
Erklärte Aufgabe an die Planer ist „Die Leistungsfähigkeit des deutschen Gartenbaus zu zeigen“. Der Entwurf mit Kreisen in verschiedenen Farbtönen – Purpur, Rot, Pink, Gelb, Weiß und an den Rändern der Anlage blau blühende Pflanzen fand den Gefallen der Auftraggeber. Die Kreisform ermöglichte zum einen eine großzügige Wegeführung für die zahlreichen Besucher und zum anderen durch die von allen Seiten gut einsehbare Form die Verwendung vieler verschiedener Pflanzen. Mark Krieger erzählte in sehr unterhaltsamen Plauderton vom psychologisch geschickten Umgang mit den Bauherren – etliche Lachsalven hielten uns Zuhörer wach und bei guter Laune. Fotos und Skizzen wurden als wichtige Tools für die Kommunikation mit dem Auftraggeber gezeigt, ebenso sollte man sich in der Beschreibung des Vorhabens Gedanken um die Wortwahl machen. „Graulaubige Heilkräuter, beruhigender Salbei, anregender Wermut.....lieblich, zart, jedoch konkret“ sind Beispiele für Formulierungen, die Assoziationen und Gefühle wecken. Auf die unweigerliche Frage „Blüht denn da immer was“ mit „Auch wenn wir da mal nur Struktur haben, ist es ansehnlich und Heilkräuter blühen ja per se nicht“ (wie war das mit dem Salbei??) zu antworten ist sicher geschickter als mit „nein aber meistens“ zu antworten. 
Noch ein guter Tipp von Mark Krieger – er versieht Pflanzpläne, die in vielen Exemplaren gedruckt werden, nur mit Nummern und Buchstaben. Die erklärende Pflanzliste macht er getrennt vom Plan, da man so leichter Änderungen von Pflanzenarten und –sorten vornehmen kann, ohne gleich alle Pläne neu drucken zu müssen. Dieses Verfahren ist ja von Farbkatalogen bekannt, wo die Preislisten extra beigelegt werden. Nett auch, wie er auf die Frage nach der Pflege der Anlage eingeht – mit dem Vergleich des Zähneputzens, das man je nach persönlicher Neigung täglich, wöchentlich oder einmal jährlich erledigen könne, dann aber auch mit den Konsequenzen leben müsse, denn man wisse ja, wozu das führt...
Als Planungsbeispiele ging Krieger neben der Gartenschau Schwerin auf das neue Hochschulgelände in Dublin, eine „Instant Gardening“ Planung in Bad Essen zur Landesgartenschau und auf  Projekte in Hamburg ein. Diese kann man unter dem Link http://www.pflanzungen.de anschauen und als PDF herunterladen. Zum Abschluss noch etwas „aus dem Nähkästchen“ des wortgewandten Planers: Grünflächen für die Anlage in Dublin unter das Motto „Irish meadows“  und in Hamburg „Deichwiesen“ zu stellen ist sicher eine geschickte Verknüpfung von Romantik und Kalkül. Nicht nur ich hätte Krieger leicht noch ein, zwei Stunden mit Vergnügen zugehört, aber nun gingen wir heiteren Gemütes in die Mittagspause.




Buchtipps: "Miniatur und Panorama" von Günther Vogt kann man unter diesem Link bestellen. 
Interessant ist vielleicht für manche, das Buch von Karl Foerster zum Thema "Blütengärten der Zukunft" zu studieren, das vor 1922 geschrieben und nun neu aufgelegt wurde.

Im folgenden Teil II  geht es um die Vorträge von Andrea Heistinger zum Thema "Essbare Gärten", Sébastian Gordon unter dem Titel "München wächst zusammen" über "Green City e.V. München" und Wolfgang Decrusch zu "Gebietsfremde Pflanzen als Gefahr für die heimische Natur?"
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...