Gartenkunst

Gartenkunst geht über die Nutzbarmachung von Land hinaus zur ästhetischen Gestaltung - sie ist die Verbindung von gärtnerischer Arbeit und künstlerischer Kreativität


Freitag, 1. Februar 2013

Gartengeschichte in Kürze


Die Sehnsucht nach dem Paradies auf Erden


„Jeder Garten ist ein imaginiertes Paradies. Es ist ein Gartenparadies, das die Persönlichkeit desjenigen Menschen in sich trägt, der es angelegt hat, und – ob deutlich sichtbar oder nicht – auch die lange Geschichte der Gartenkultur“

Zitat von Nadine Olonetzky, aus dem Vorwort zu „Sensationen – eine Zeitreise durch die Gartengeschichte“




Die Wiege der Gartenkultur
liegt im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. Hier legten  die Sumerer etwa ab 4000 vor Christus mit Hilfe von künstlicher Bewässerung Jagdparks und Dattelpalmgärten an, wilde Pflanzen wurden in Kultur genommen und ortsfremde Pflanzen und Tiere dort angesiedelt. 
Das sumerische Wort „edin“ bedeutet „fruchtbares oder bewässerungsfähiges Land“. Die Genesis, die zwischen dem 10. und 6. Jahrhundert vor Christus niedergeschrieben wurde, situiert den Garten Eden in dieser Gegend. Im Hebräischen bedeutet „gan eden“ Garten des Wohlergehens, der Freude. 
In allen drei monotheistischen Weltreligionen wird das Bild der idealen Welt mit einem Garten verbunden.





"Über die Jahrhunderte der Kulturgeschichte hinweg gab es auch im 'Grünen Bereich' stets neue Entwicklungen, Vorlieben, Moden, geänderte Nutzungsansprüche. Das umzäunte Stückchen Land diente mal zur Versorgung mit Nahrungsmitteln, mal zur Lust und Zierde, war hier ein Ort der beschaulichen Muße, dort Rahmen für rauschende Feste. Klare Geometrie wechselte mit freien Formen, schwelgerische Üppigkeit mit minimalistischer Strenge. Jede Epoche kannte besondere Gestaltungselemente, Dekorationsstücke, Möbel und natürlich: Pflanzen. Tulpen, Aurikeln, Rosen, Zuckerhutfichten repräsentieren Gartenmoden im Wandel der Zeiten" (Interessengemeinschaft zur Förderung der Gartenkultur e.V. zum Thema der Illertisser Gartenlust 2010)





GARTENGESCHICHTE IN DEUTSCHLAND 


In einem der ältesten, noch stammesgermanischen Gesetzbuch, dem Lex Salica, von dem Frankenkönig Chlodwig diktiert und niedergeschrieben von 507 bis 511, ist bereits ein Hausrecht überliefert das auch den Garten mit einschließt. Garten und Haus bildeten einen eigenen Friedens- und Rechtsbereich, den Unbefugte nicht betreten durften.

Bei Diebstählen aus dem Obstgarten musste Wiedergutmachung und Geldbuße geleistet werden, milder bestraft wurde Diebstahl aus dem Gemüsegarten. Das zeigt zum einen, dass schon vor eineinhalbtausend Jahren der bäuerliche Garten in einen Baumgarten und einen Gemüsegarten aufgeteilt war, zum anderen wie wertvoll damals der Obstgarten angesehen wurde. Zum Glück weniger aktuell ist das im Lex Salica erlassene Verbot, Pfeile in den umzäunten Gartenbereich zu schießen oder Speere hinein zu werfen.

Eines der ältesten europäischen  Gartendokumente stammt von dem Dichter und Benediktinermönch Walahfried Strabo, dem späteren Abt des Klosters Reichenau. Um 827 schrieb das Gedicht „Liber de cultura hortorum (Buch der Gartenkultur), meist kurz als „Hortulus“ bezeichnet. Neben rein praktischen Tipps zur Gartenarbeit geht es schon bei Strabo auch um den Garten als Ort der Lebensfreude.
Im dreizehnten Jahrhundert verfasste der deutsche Theologe und Philosoph Albertus Magnus, Erzbischof von Köln, ein Werk für die Anlage eines reinen Lustgartens zur Erholung, in dem der Garten als Ausdruck der göttlichen Schöpfungskraft gesehen wird – ein Paradies auf Erden. Bepflanzte Rasenbänke zum Rasten und Plaudern sind die Mode der Zeit. Gärten sind in kirchlichen, adeligen, bäuerlichen und städtischen Lebensbereichen ein Teil des Alltags, viele mittelalterliche Gemälde zeigen Gesellschaften, die in diesen „Lustgärten“ flanieren und feiern.

Der „klassische“ Bauerngarten
, in der Form wie man ihn sich heute vorstellt – mit viergeteilten Beetanlagen, Einfassungen aus Buchs, dem Rondell in der Mitte und den Blumenrabatten entlang der Einzäunung enthält viele Elemente des Klostergartens. Als „idealer Garten“ wurde eine nach diesem Plan erstellte Anlage 1913 im botanischen Garten Hamburg errichtet.


DIE IDEE DER VOLKSGÄRTEN

Der „Englische Garten“ in München ist einer der ersten öffentlichen Parkanlagen – vorher standen diese Parks nur den Angehörigen der Höfe offen. Er wurde Ende des 18.Jahrhunderts  vom Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz „zur allgemeinen Ergötzung“ und als „gemeinnütziges Kunstwerk“ als öffentlicher Park im englischen Stil angelegt. Zunächst diente er allerdings teilweise als Militärübungsgelände für die nahe gelegene Militärakademie und ein Teil der Fläche war als Kartoffelacker für Kriegszeiten eingeplant. Ab 1804 lag die Gestaltung des um die 113 Hektar der „Hirschau“ erweiterten Geländes in den Händen des Hofgärtners Friedrich Ludwig von Sckell, der ihn zu einem „Volksgarten“ umgestaltete.
Nach Sckells Vorstellungen sollte der Park „zum traulichen und geselligen Umgang und zur Annäherung aller Stände“ dienen, „die sich hier im Schoße der schönen Natur begegnen.“ 


ÜBERGANG ZUR NEUZEIT - DIE ERFINDUNG DES RASENMÄHERS

Diese praktische Erfindung läutet quasi die „modernen Zeiten“ im Garten ein. Erfunden hat ihn der englische Textilingenieur Edwin Beard Budding 1830. Er kam auf die Idee, das Prinzip einer in Webereien eingesetzten Maschine, die zum Abschneiden von vorstehenden Fasern an Stoffen diente, auf zu hoch stehende Grashalme zu übertragen. Der von ihm konstruierte Spindelrasenmäher ist in ganz ähnlicher Form heute noch als Handrasenmäher und auch motorisiert erhältlich.
 
Eine Zeitreise durch die Gartenarchitektur 
DIE VERBINDUNG VON GARTEN UND ARCHITEKTUR

Zwei berühmte stilbildende Gartenplaner waren von Beruf sowohl Gärtner als auch Architekten: André Le Notre (1613 bis1700), Spross einer berühmten Pariser Gärtnerfamilie, studierte zunächst Malerei und Architektur, bevor er sich der Gartengestaltung widmete – die nun mit den anderen Künsten gleichgestellt wird.
William Kent, wie der berühmte Le Notre Maler, Architekt und Gartenarchitekt, aber im Gegensatz zu dem Franzosen ein erklärter „Feind der Geraden“, gestaltete 1735 den Garten „Stowe“ in Buckinghamshire als malerische Naturidylle und setzt damit neue Maßstäbe für den Stil des „englischen Gartens.“




Während der zunehmenden Verstädterung zur Zeit der Industrialisierung waren Hausgärten vorwiegend reichen Villenbesitzern vorbehalten. Jedoch entstanden schon im 19. Jahrhundert Ansätze, die den „Garten für jedermann“ forderten. Ein Haus mit Garten sollte den entwurzelten Industriearbeitern, die ja meist erst aus ländlichen Gebieten zugezogen waren, ein Stück Heimat und eine Grundlage zur Selbstversorgung geben. Um 1900 entstand die Idee der „Gartenstadt“. Es wurden durchgrünte Vorstädte geplant, für deren Umsetzung meist namhafte Architekten beauftragt wurden. Erst 1929 jedoch wurde in Berlin ein eigener Studiengang für Gartenarchitektur eingerichtet – ein junger Berufsstand für eine alte Kunst…. 

VON „GRÜN KAPUTT“ ZUM GARTENBOOM


Nach dem zweiten Weltkrieg geriet das Thema Garten in Deutschland immer mehr in den Hintergrund. „Pflegeleicht“ war die Devise, autofreundlich asphaltierte Flächen galten auch auf dem Land als modern, im Garten waren kurz geschorener Rasen und ein paar immergrüne Koniferen angesagt. Begrünte städtische Innenhöfe verkamen im Zuge zunehmender Motorisierung zu geteerten Abstellflächen. 

Grün Kaputt – Landschaft und Gärten der Deutschen“ hieß eine erfolgreiche Fotoausstellung (und das Buch dazu), die den katastrophalen Landschaftsverbrauch 1982 drastisch zeigte. 


Es gibt noch Restexemplare von "Grün kaputt" 
Nicht das die Umweltprobleme seitdem gelöst wären – aber die Lust am Gärtnern haben die Deutschen wieder entdeckt. Allein der Blick auf ein gut sortiertes Zeitschriftenregal weist darauf hin – inzwischen gibt es allein über 40 deutschsprachige Publikumszeitschriften, die sich mit dem Thema Garten befassen. Jedes Jahr erscheint eine unübersichtliche Menge an neuen Gartenbüchern, unter denen man sich lust- oder mühevoll die interessantesten Titel heraussuchen kann.  Wir können uns mit Themengärten, Farbgärten, Naturgärten, vertikalen Gärten, japanischen Gärten oder Instant gardening beschäftigen, überall im Land Gartenfestivals besuchen, die ausgefallensten Pflanzen in Spezialgärtnereien erwerben.
 Gärtnern ist in Deutschland richtig schick geworden, in England hat sich sogar der (lobende) Begriff „German Style“ für einen speziellen Stil der Pflanzungen gebildet.
Dabei eint uns in der Liebe zu den Gärten durch die Jahrtausende immer noch das gleiche Streben: die Sehnsucht nach dem irdischen Paradies.



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