Gartenkunst

Gartenkunst geht über die Nutzbarmachung von Land hinaus zur ästhetischen Gestaltung - sie ist die Verbindung von gärtnerischer Arbeit und künstlerischer Kreativität


Samstag, 28. Januar 2017

Frisch ausgepackt: "Avantgardening - Plädoyer für gegenwärtiges Gärtnern" von Torsten Matschiess

Der Garten Alst am Niederrhein ist vielen gartenbegeisterten Menschen schon ein Begriff - im September 2014 erschien in der "Gartenpraxis" ein zwölfseitiges Porträt dieses Gartens.
Torsten Matschiess, der zusammen mit seiner Lebensgefährtin Daniela Pawert den Garten Alst als ihr privates Refugium entwarf, pflegt und bewohnt, hat nun ein Buch geschrieben in dem er seine Gartenphilosophie und bisher gesammelten Erfahrungen vorstellt. 
"Avantgardening - Plädoyer für gegenwärtiges Gärtnern" ist Anfang Januar im Ulmer Verlag erschienen und ist der erste Band einer geplanten Edition über Gartenkultur.


Nach einer kurzen Einleitung mit der Geschichte, wie es zur spontanen Stadtflucht des musikaffinen Paares kam, geht Matschiess im ersten Kapitel ausführlich auf die Erfahrungen und Experimente des ersten Jahres (genauer eigentlich der ersten Jahre) im Garten ein. Einen halben Hektar Ackerland in einem parkähnlichen Garten zu 
verwandeln ist eine Herausforderung, die zunächst gründliche Planung verlangt. Auch wer unter völlig anderen Grundbedingungen einen neuen Garten anlegt wird hier viele wertvolle Tipps zu einer vernünftigen Vorgehensweise finden.
Im zweiten Kapitel geht es um Trends, Intuition und Lehrbuchwissen, im dritten um die Gestaltung im Detail und im vierten stellt der Autor seine Lieblingspflanzen vor. Wenn man schon Bilder des Gartens Alst gesehen hat kann man ahnen, dass es hier vorwiegend um Knöterich und Wiesenknopf geht. Der herausragende Gartenfotograf Jürgen Becker hat sie wunderbar in Szene gesetzt. 
Was die spezielle Schönheit und Charme der vom Gärtner inszenierten Pflanzungen herausstellt zeigt sich besonders an den stimmungsvollen Fotos des chinesischen Süßholzes und der mir bis dahin unbekannten Verwachsenblättrigen Becherpflanze (Silphium perfoliatum), deren verwelkte Stiele sich aus eindrucksvolle Skulpuren gegen den Himmel und die im Hintergrund durchscheinende Landschaft abheben.

Chinesisches Süßholz © Torsten Maschiess aus „Avantgardening“

 
Überraschend ist der Vergleich von Rasen vs. Staudenbeet, nach dem eine Rasenfläche mittel- bis langfristig vier mal mehr Arbeit macht als eine moderne Staudenpflanzung. Wobei eine "moderne Staudenpflanzung" vor allem eine sehr genaue Auswahl geeigneter Pflanzen für den jeweiligen Standort bedeutet. Wie viel Engagement und Sorgfalt hinter den Pflanzungen steckt wird deutlich, wenn der Autor im Abschnitt "Test auf Standfestigkeit" beschreibt, wie er verschiedene Sorten von Kandelaber-Ehrenpreis drei Jahre lang beobachtete und bewertete, bevor er dann zwei davon auswählt um sie auf einer größeren Fläche auszupflanzen.
Unter dem Stichwort "Pflegeverzicht" wird unter anderem von einem Beet berichtet, dass bis auf das Jäten einer einzelnen Brennessel nach der Anlage drei Jahre lang keinerlei Pflege bedurfte. Unvorstellbar? Nicht bei nach ökologischen Erkenntnissen gut konzipierten Pflanzungen, sagt der Autor.

© Jürgen Becker aus „Avantgardening“, Verlag E. Ulmer


Interessant auch der Ansatz, als Sichtschutz nicht durchgängige Hecken oder Zäune einzusetzen, sondern durch gut geplante Gruppen von Gehölzen und hohen Stauden einen "verstellten Blick" auf die Terrasse, Sitzgruppen oder andere Rückzugsbereiche zu schaffen. So wirkt der Garten nicht abgegrenzt, sondern offen und weit und bietet dennoch genügend Privatheit. Also quasi das umgekehrte Konzept zu einzelnen Ausblicken in eine "geborgte Landschaft".
In diesem Kapitel hätte ich mir mehr Beispiele gewünscht, sowohl was Pflanzideen als auch Fotos betrifft. Doch in dem für mich an sich sehr angenehmen lockeren, oft ironischen und sehr persönlich gehaltenen Schreibstil des Autors wird bald "am Rande angemerkt" und zu einem völlig anderen Inhalt übergegangen, der dann zwar ebenfalls interessant ist, aber das Thema des verstellten Blicks völlig verlässt und mehr Text einnimmt als dem eigentlichen Thema gewidmet ist.
Schade fand ich auch, dass in dem Abschnitt "Rosen und Stauden" nur sehr wenig Text zu finden ist. Zu der Bemerkung, dass sich nicht alle Rosen als perfekte Partner in Stauden- und Gräserpflanzungen eignen, wäre der Hinweis auf einige dafür gut geeignete schön gewesen.

© Jürgen Becker aus „Avantgardening“, Verlag E. Ulmer
Damit ist wohl beschrieben, was dieses Buch ist und was es nicht ist - kein "How to..." Gartenbuch mit klaren Anweisungen und Pflanzlisten, sondern ein sehr persönlicher Diskurs über die Anlage naturnaher dauerhafter Stauden- und Gräsergärten. Es bietet Anregungen zu eigenen Experimenten und Erfahrungen und macht Lust darauf, Wege jenseits altbekannter Gartenstile zu beschreiten. Denn es bietet ja keine um "Rezepte" die sich einfach auf den eigenen Garten übertragen lassen, sondern es geht mehr um Methoden, wie man an die Gestaltung heran gehen könnte.

Das größte Manko besonders im Hinblick auf weitere interessante Titel der geplanten Reihe ist für mich der allzu weiche Einband des Buches. Im Kombination mit dem quadratischen Format ist er ziemlich unpraktisch beim Schmökern auf dem Sofa, beim Lesen bräuchte man eigentlich eine feste Unterlage.

Mein persönliches Fazit: Bei allen Kritikpunkten ein sehr lesens- und habenswertes Gartenbuch, das unter Gartenmenschen sicher für Gesprächsstoff sorgt.

Zur Bestellung direkt beim Verlag: "Avantgardening - Pädoyer für gegenwärtiges Gärtnern"


Blogbeitrag über den Garten Alst bei "Wiesenknopfschreibselei"
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