Gartenkunst oder Wege nach Eden

Gartenkunst

Gartenkunst geht über die Nutzbarmachung von Land hinaus zur ästhetischen Gestaltung - sie ist die Verbindung von gärtnerischer Arbeit und künstlerischer Kreativität


Sonntag, 20. März 2016

Frühling in den Stauden und das Blattwerk von Bergenien

Die Staudensaison ist eröffnet - am Samstag den 19.03 lud die Staudengärtnerei Gaissmayer zum traditionellen "Frühling in den Stauden". Das Wetter zeigte sich von seiner schönsten Seite und zahlreiche Besucher nahmen die Gelegenheit zu einer Führung durch das Mutterpflanzenquartier der Gärtnerei an. Im Café Grün fand man zeitweise nur noch schwer einen Platz - viele genossen ihren Kaffee auch draußen an der Sonne. 
Jedes Mal wenn ich die Gärtnerei besuche, fallen mir bestimmte Pflanzen auf - dieses Mal war es ein Leberblümchen das es mir besonders angetan hatte. Das "Siebenbürger Leberblümchen' wird zehn bis fünfzehn Zentimeter hoch und breitet sich an halbschattigen bis schattigen Standorten nach und nach flächig aus. Eine Frühlingsschönheit, die ich mir sicher für den Garten holen werde sobald ich einen guten Platz dafür weiß.



Hepatica transsilvanica - Siebenbürger Leberblümchen Foto© Barbara Ehlert 2016

Interessant fand ich auch die Kombination von kleinen gelben Narzissen mit einem schmalblättrigen Gras, das recht verwuschelt wirkte.


Foto© Barbara Ehlert 2016

Ansonsten schaute ich mir den Zustand einiger Blattstauden näher an. So wirkte z.B. die Heuchera 'Purple Petticoats', die ich wegen der markanten Blätter sehr schätze, in ihren Töpfen sehr "ausgewachsen", sie schob längere stakelige Triebe. Die ebenfalls sehr dunkel laubige 'Plum Pudding' hingegen war noch sehr kompakt. Da ich nicht weiß, wie lange diese Pflanzen schon in den Töpfen stehen, ist diese Beobachtung jedoch noch nicht wirklich aussagekräftig. Gut durch den Winter gekommen war offensichtlich die Penstemon Digitalis Sorte 'Husker's Red', deren rotes Laub auch in meinem Garten für die Jahreszeit sehr gut aussieht.
Das beste "Winterlaub" hatten die Bergenien - besonders die Sorten 'Oeschberg' und die rötlich braune, aufrecht stehende 'David'.


Bergenia 'David' Foto© Barbara Ehlert 2016
Heute machte ich mich an den Vergleich der Bergenien in meinem Garten. 'Oeschberg' hat zwar gesunde, kräftig gefärbte Blätter, die durch den vielen nassen Schnee im März jedoch sehr platt gedrückt sind. 


Bergenie 'Oeschberg' im März Foto© Barbara Ehlert 2016

Bergenie 'David' Foto© Barbara Ehlert 2016

Die ähnlich gefärbte 'Eroica' hat kleinere Blätter, die den Schneedruck schöner überstanden haben. 'David' sieht auch bei mir sehr proper aus, er wäre auch in schneereichen Gegenden eine gute Einfassungssorte.


Bergenie 'Eroica' Foto© Barbara Ehlert 2016


Bergenie 'Purpurglocken' Foto© Barbara Ehlert 2016

'Purpurglocken', die ich wegen ihrer dunklen purpurvioletten Blüten liebe, verschmilzt fast mit dem Herbstlaub. 'Herbstblüte' schiebt schon die ersten Knospen, gefährlich früh wenn man an die noch ausstehenden Fröste denkt. Die absolute Überraschung in puncto Blattschönheit ist 'Rotblum', ihr ist nicht das kleinste bisschen Schädigung durch Frost und Schnee anzumerken. 


Perfektes Blattwerk: Bergenie 'Rotblum' Foto© Barbara Ehlert 2016

Zum Abschluss noch ein Frühlingsgruß aus meinem Garten - Crocus etruscus 'Zwanenburg', dessen zarte Farbe an der Sonne wunderbar leuchtet (merke - mehr Krokusse in hellen Blautönen pflanzen…) und die bemerkenswerte, inzwischen in vielen Gärten anzutreffende Zwerg Iris 'Katherine Hodgkin'. In meinem mediterranen, sprich trockenen und nährstoffarmen Hochbeet vermehrt sie sich nicht nur prächtig, sondern kommt zwischen den Lavendelsträuchern auch besonders gut zur Geltung. Ein kleines Wunder, denn auch dort lag am 15. März noch eine gehörige Ladung Neuschnee.



Crocus etruscus 'Zwanenburg' Foto© Barbara Ehlert 2016

 Zwerg Iris 'Katherine Hodgkin' Foto© Barbara Ehlert 2016

Zwerg Iris 'Katherine Hodgkin' Foto© Barbara Ehlert 2016


Sonntag, 21. Februar 2016

Schneeglöckchenzeit

Seit Wochen blühen die Schneeglöckchen nun als erste Frühlingsboten in Deutschland. Die ersten sind schon da, sobald der Schnee schmilzt. Auf dem Bild ein paar ganz "einfache" Galanthus nivalis in meinem Garten im Allgäu. Bis zum letzten Jahr waren Schneeglöckchen für mich einfach Schneeglöckchen und ich hörte am Rande von dem Kult, der sich um den kleinen Winterblüher entwickelt hat. Ab Februar ging es bei meinen Facebook-Gartenfreunden bevorzugt um dieses Thema. 

Foto© Barbara Ehlert 2014

Dieses Jahr gibt es nicht viel Schnee, und die Glöckchen entwickeln sich ganz frei auf dem Rasen

Foto© Barbara Ehlert 2016
Foto© Barbara Ehlert 2016


Anfang März vor zwei Jahren besuchte ich die Helleborustage im Hortus Janke in Hilden und schaute mir natürlich den ganzen Garten an. Im Schattengarten fielen mir Tuffs von sehr schönen großblumigen Schneeglöckchen auf. Es handelte sich um die früh blühende Sorte 'Bill Bishop', die sich dort so prächtig entwickelt hat. Dieses Schneeglöckchen mit den großen Blüten ist sehr wüchsig und gilt als gute, unkomplizierte Anfängersorte. Es stammt aus dem Garten des Schneeglöckchenspezialisten Bill Bishop in Herefordshire.

Galanthus 'Bill Bishop' Foto© Barbara Ehlert 2014


Galanthus 'Bill Bishop' Foto© Barbara Ehlert 2014

Neben einigen Helleborus-Pflanzen nahm ich am Stand von 'Evolution Plants' nach Beratung durch den netten Gärtner (es sollte robust sein, wüchsig und nicht so teuer) mein erstes "Sortenschneeglöckchen" mit - Galanthus elwesii 'Maidwell L'. Es ist eine Sorte von Oliver Wyatt aus seinem Garten Maidwell Hall und wird laut Galanthomanie.de inzwischen unter dem Namen 'Midwinter' verkauft.
Es hat sich bis jetzt sehr schön entwickelt, obwohl der Tuff noch klein ist, ist er schon ein richtiger Hingucker.  


Galanthus elwesii 'Maidwell L' Foto© Barbara Ehlert 2016


Im Herbst habe ich noch ein Tütchen mit Zwiebeln von Galanthus nivalis 'Flore Pleno' vergraben, die inzwischen ihre Blätter zeigen aber sich mit der Blüte noch Zeit lassen. Eigentlich soll man die Glöckchen ja "in the green" direkt nach der Blüte pflanzen weil die Zwiebeln schnell austrocknen, aber in diesem Fall scheint es geklappt zu haben.
Leichtsinnigerweise bin ich in diesem Winter nicht nur der FB-Gruppe "Zwiebelzauber", sondern auch noch den "Galanthusfreunden" beigetreten. Was soll ich sagen, die erste Bestellung an neuen Schneeglöckchensorten ließ nicht lange auf sich warten, und dank des milden Wetters konnte ich im Februar 'Brenda Troyle', 'Hippolyta', 'Straffan', 'Sir Herbert Maxwell', 'James Backhouse' und die 'Blonde Inge' im neu deklarierten Schneeglöckchenbeet ansiedeln. Meine stammen aus der Staudengärtnerei Thomas Eidmann, die Sortenliste kann man sich schicken lassen. Nun heisst es warten wie die Schätzchen sich bis nächstes Jahr entwickeln…


'Maidwell L' oder nun 'Midwinter' zeigt ein grünes X unter dem Röckchen Foto© Barbara Ehlert 2016


Einige meiner Gartenfreunde haben sich am Wochenende auf dem Sneeuwklokjesfeest in der Gärtnerei De Boschhoeve in Holland getroffen (Erkennungsmerkmal: die Schneeglöckchenmütze) und Lis vom Lindenhof hat zum Schneeglöckchenkaffee eingeladen. Und sie fragt sich, ob sie inzwischen von der Galantophilie befallen ist… (Lis, ich glaube wir bewegen uns in eine ähnliche Richtung, und ich fürchte, es ist ansteckend!)
Apropos Galantophilie, die hat in England schon eine lange Tradition und wurde zwischen 2004 und 2009 durch gartenreisende Staudenfreunde nach Deutschland eingeschleppt (siehe Galanthour). Seitdem verbreitet sie sich auch hier in rasendem Tempo und findet laufend neue "Opfer". Befallene Gartenfreunde müssen inzwischen nicht mehr ins "Mutterland" reisen oder dort bestellen. In Deutschland entstehen Jahr für Jahr neue Galanthus-Events und etliche Gärtnereien bieten inzwischen auch bei uns Futter für die schöne Sucht. Der bescheidene Schneeglöckchenliebhaber findet zahlreiche schöne und relativ preisgünstige Sorten, wobei der unbefallene Hobbygärtner vermutlich schon den Preis von an die zehn Euro pro Zwiebel für völlig irrsinnig hält. Aber das ist eine Frage der Relation - eingefleischte Sammler legen für besonders begehrte Sorten auch mehrere hundert Euro hin.

Die Gartenfotografin Lisa Valider zeigt, wie man schöne Fotos von den Winzlingen macht - es ist eindeutig schwieriger, als Tulpen oder Pfingstrosen ins rechte Bild zu rücken! Siehe
"How to create beautiful photos of snowdrops"


Galanthus nivalis und Winterlinge - eine tolle Kombination! Foto© Barbara Ehlert 2016


Wer nun Lust hat, sich mit der Vielfalt der Schneeglöckchen näher zu befassen, es gibt in der nächsten Zeit einige Möglichkeiten Märkte in Deutschland zu besuchen:
20./21.02. Schneeglöckchenmarkt Kloster Ihlow, Ostfriesland
27./28.02. Oirlicher Schneeglöckchentage, 41334 Nettetal
5./6.03 Schneeglöckchentage im Luisenpark Mannheim
5./6.03. Schneeglöckchentage von Ehren, Hamburg
12.03. 11-17.00 Schäferei Stücke, 32584 Löhne Westfalen
für den  Schneeglöckchenmarkt beim Kloster Ihlow in Ostfriesland am 20./21.02. ist es etwas zu spät, aber vielleicht dann im nächsten Jahr…

Buchtipps zur Orientierung:





"Schneeglöckchen - Zauber in Weiß" von Günter Waldorf zeigt 300 Sortenporträts mit Bild
"Das Schneeglöckchen ABC" von Maria Mail-Brandt stellt 800 Sorten und Wildarten vor
(Amazon Affiliate Links mit Blick ins Buch bei Klick auf die Bilder)




Und wer von Schneeglöckchen gar nicht genug bekommen kann, ich habe hier von Schneeglöckchenservietten, einem Schneeglöckchenstempel und Schneeglöckchenohrringen ein paar nette Dinge zusammen gefasst...





Bei weiterer Suche habe ich festgestellt, dass es noch viel, viel mehr Objekte zum Thema Schneeglöckchen gibt als ich mir vorstellen konnte. Deckenleuchten, Mousepads, Handytaschen, Gartenfiguren, Tischläufer aus Plauener Spitze und noch so einiges mehr. Man braucht also nicht wirklich einen Garten, um die Schneeglöckchenzeit zu feiern, sondern kann gleich nach dem Abräumen der Weihnachtsdekoration auf Schneeglöckchen umsteigen. Und in der Kombination Osterhase und Schneeglöckchen geht es dann fließend weiter. Aber seht selbst…










Sonntag, 24. Januar 2016

Gartenlandschaft und Weihnachtskrippe in Cerreto Guidi

Was haben Gartenkunst und eine Weihnachtskrippe miteinander zu tun? Vor unserem Besuch in dem toskanischen Städtchen Cerreto Guidi hätte ich das nicht beantworten können.
Die Liebe zur heimischen Landschaft, der Stolz auf das regionale Handwerk und die regionale kleinbäuerliche Landwirtschaft scheint in der Toskana viel stärker ausgeprägt zu sein als in den meisten Gegenden in Deutschland.
Auf der Krippenausstellung in Cerreto Guidi besuchten wir auch den Raum mit der gehäkelten Krippe, an der 50 Frauen und zwei Männer ein Jahr lang gearbeitet hatten. Hier ging es nicht (nur) um die Darstellung der biblischen Szene, sondern im Wesentlichen um die Darstellung der Region, ihrer Bewohner, ihres Handwerks, der Landwirtschaft und deren Produkte.
Auf dem ersten Bild erkennt man die Krippe im Hintergrund, vorn eine Gärtnerin in ihrem Gemüsegarten mit Cardy, Mangold, Radicchio, Zucchini und Fleischtomaten. Das Werkzeug lehnt am Gartenzaun.







Kürbis, Rüben, Schwarzkohl und Wirsing wachsen in diesem Garten


Im Hintergrund erkennt man Zypressen und Olivenbäume



Auch der Gärtnersmann präsentiert stolz seine Ernte




Die Nachbarn haben einen Esel und einen Rosenbogen mit gelben Rosen über der Tür…
In dem langen umzäunten Beet wachsen die leckeren kleinen violetten Artischocken.


Ein wenig außerhalb des Dorfes hütet ein Schäfer seine Herde, man erkennt ein Getreidefeld mit Mohnblumen darin, Sonnenblumen und Zypressen im Hintergrund.


Langsam geht das Licht aus und die Fackeln der Menschen fangen an zu leuchten…



Eine idealisierte ländliche Idylle, wie man sie sich wünschen würde. Und doch, in dieser Gegend hat sie sich noch erhalten - beim Wandern sieht man solche Gärten, man trifft auf Schafherden und läuft an kleinen Feldern entlang. Die Produkte dieser Landwirtschaft findet man natürlich nicht im Supermarkt, wohl  aber in kleineren Läden und auf den Märkten. Hier kauft man nicht einfach Artischocken, sondern wird gefragt, ob sie roh oder zum Kochen verwendet werden sollen… ein Paradies für Genießer! 

Mehr über den Krippenweg von Cerreto Guido gibt es auf meinem privaten Blog zu sehen.





Freitag, 20. November 2015

Das geheime Leben der Pflanzen - Illertisser Forum 2015

Das Illertisser Forum fand dieses Jahr am 18.11. unter dem Motto "Das geheime Leben der Pflanzen"(…und was wir Menschen damit zu schaffen haben) im Museum der Gartenkultur statt.
Warnung, hier gibt es (zu?) viel zum Lesen…
Gleich zu Anfang lud der "Vollblutbiologe" Dr. Michael Schwerdtfeger, Kustos des alten botanischen Gartens in Göttingen, die Zuhörer auf eine
"Weltreise durch die schillernde Welt der Blütenökologie" ein.


Foto© Sabine Spiegler 2015
Über den Bauplan (die Zahl und Anordnung der Staub-, Kelch- und Blütenblätter), durch den die verschiedenen  Pflanzenfamilien bestimmt werden, den Gestalttyp - von den Scheiben- oder Schalenblüten (Geranium, Erdbeere u.a. Rosengewächse), den Glockenblumen, den Röhrenblüten (Fuchsie, Kniphofia), Pinselblumen (z.B. Akazien, Mimosen), den Stichtellerblumen (Heidenelke, Phlox), den Lippen- und Rachenblühern, Fahnen- (Ginster, Lerchensporn) und Köpfchenblumen ging es zu den blütenökologischen Stiltypen.
Den einfachsten Bauplan hat z.B. die ursprüngliche Geraniumblüte mit je fünf Kelch-. Blüten-, Staub- und Fruchtblättern.

Geranium -  die einfachste Blüte Foto© Barbara Ehlert 2015
Das hätte eine zähe Biologiestunde werden können, dank des anschaulichen und humorvollen Vortagsstils des Dozenten war es jedoch eine spannende Reise zu den Geheimnissen der Blütenpflanzen. Anhand der "Stiltypen" kann  auch der botanische Laie recht schnell feststellen oder zumindest vermuten, von welchen Tieren die Blütenpflanzen bestäubt werden - so gibt es typische Bienen-, Tagfalter-, Nachtfalter-, Fliegen-, Käfer- und, wenn auch nicht in Europa, Vogel- und Fledermausblumen.
Die Bienenblumen bieten ihren begehrten Gästen viel Pollen oder sehr konzentrierten Nektar (ersteres dient dem Nachwuchs, zweites als "Flugbenzin" der Insekten). Sie machen mit freundlichen Farben und/oder freundlichen Düften auf sich aufmerksam. Rein rote Blüten sind bei uns in der Natur selten, da die Insekten diese Farbe nicht so wahrnehmen können.
Tagfalterblüten sind häufig rötlich, rosa oder violett und haben wie Disteln, Verben, Lantanen enge dünne Röhren, passend zu den Saugrüsseln der Falter. Nachtfalterblumen hingegen blühen abends in hellen Farben auf. Aufgelöste Formen, Schlitze in der Blüte und ein starker Duft sind auf die Wahrnehmungsfähigkeit der Nachtfalter abgestimmt. Nachtkerzen, Engelstrompeten, Petunien und Tabak sind bekannte Beispiele für diesen Stiltyp.
Fliegenblumen zeichnen sich durch morbide Farben und einen für Menschen eher abstoßenden Geruch aus (Aronstab, Titanwurz).

Strelitzienblüte Foto© Barbara Ehlert 2015


Leuchtend rote Blumen sind häufig "Vogelblumen" - zum Beispiel Canna indica und auch Strelitzien setzen auf die Bestäubung durch Nektarvögel. In den Tropen gibt es auch Fledermausblüten, die sich auf die "Kolibris der Nacht" eingestellt haben. Da ihre Bestäuber sie nicht sehen, sind die Farben der Blüten eher trübe, grünlich-bräunlich, sie machen sich durch spezielle, häufig gemüseartige Düfte und besonders exponierte Blütenstände bemerkbar.


Blüten, die weder durch Duft, noch durch Schönheit oder ein reiches Angebot an Nektar prunken sind darauf auch nicht angewiesen - sie setzen auf Windenergie. Eichen, Buchen und Brennnesseln zählen zu den "Windbestäubern".
Wer sich in das interessante Thema der Blütenökologie vertiefen möchte, Dr. Schwerdtfeger hat dazu ein Buch geschrieben, das just am Tag des Gartenforums ausgeliefert wurde. (Klick auf das Bild führt zum Amazon Link)
Der Link zu Dr. Schwertfegers Webseite: Der Vollblutbiologe

Nach dieser furiosen Weltreise durch das Blütenreich ging es im zweiten Vortrag etwas beschaulicher und regionaler weiter. 


Foto© Sabine Spiegler 2015

Thomas Janschek, der hauptberuflich für die Qualitätssicherung von Hopfen zuständig ist, erzählte von
Symbolik und Brauchtum um Pflanzen.
Nicht nur Nahrung und Heilung, auch Schutz und Transzendenz werden seit jeher mit der Pflanzenwelt in Verbindung gebracht. Pflanzen, besonders Bäume, gelten als Vermittler zwischen Diesseits und

Foto© Barbara Ehlert 2015
Jenseits. Der Baum als Ursymbol findet sich als Erleuchtungsbaum bei den Buddhisten, als heiliger Baum von Eridu in Mesopotamien, als nordische Weltenesche Yggdrasil und im Christentum als Baum der Erkenntnis. Die Alchemisten und auch Hildegard von Bingen sahen die Pflanze als "alles verbindende Grünkraft". Wie viele Gärtner der heutigen Zeit mögen wohl diese Ansicht teilen?
Zahlreiche Geschichten um historische Dorflinden machen die Verbundenheit der Menschen zu besonderen Bäumen deutlich.
Im Rupertiwinkel gab des den  Brauch des "Baumbusselns" und "Baumweckens" - Kinder wurden am Dreikönigstag auf die Obstbäume gehoben, die sie dann umarmten, die Rinde küssten und um eine gute Ernte baten.
Der verbreitete Brauch des Räucherns, der heute wieder häufiger ausgeübt wird, bewirkt nicht nur eine tatsächliche "Reinigung in der Vertikalen", sondern wird auch als "Verbindung in der Vertikalen" gesehen - so wie im katholischen Gottesdienst der Weihrauch eingesetzt wird.
Mit Janscheks volkskundlichen Betrachtungen der Pflanzenwelt könnte man sicher eine ganze Vortragsreihe füllen. Über diesen Link kann man an seinem Wissen teilhaben und Bücher aus seiner Reihe "Von Baum zu Baum" bestellen.

Den dritten Vortrag des Vormittags hielt Jörg Pfennigschmidt, der sicher allen Lesern der "Gartenpraxis" durch seine Glossen auf der letzten Seite bekannt ist. 
"Zwischen Gartenbuddha und Kräuterschnecke: Die geheime Welt des Gartens" lautete sein Motto, unter dem er verschiedene Themen aus der Gartenwelt vortrug. Das erste: "Das geheimnisvolle Wachstum von Bäumen und wie man es vermeiden kann". 
Foto© Sabine Spiegler 2015
Mit drastischen Bildern, die, obwohl eigentlich zum Verzweifeln, doch in Verbindung mit den Kommentaren wahre Lachsalven im Publikum auslösten, stellte Pfennigschmidt die Frage, warum der Satz "Die schneidet mein Mann" für so viele Gehölze das Verderben bedeutet. Männer, die traditionell für´s Grobe, Krawall, Lärm und Technik zuständig sind, haben das eben einfach im Gefühl wie man einen Baum schneidet, auch wenn die Fichtenhecke nachher aussieht als wenn kurz dahinter ein Airbus abgestürzt wäre. Typische Beispiele des verbreiteten Hausmeisterschnitts, Marke halbrund in Kopfhöhe des ausführenden Übeltäters, illustrierten was der Gartenbesitzer zu erwarten hat, wenn er seine Gehölze den Fachmännern eines "RuckZuck (und rundum)  Haus und Gartenservice" anvertraut. (Schlimm genug, nur hier haben wir auch häufig die nicht gezeigte "Atompilzvariante" - unten schmal, oben breiter und abgerundet, denn dann gibt es mehr Platz für Rasen…). 
Schön das Thema "Gartenbesichtigung" - warum in einem sehenswerten Garten morgens um halb zehn bei Nieselregen ein Tisch mit zwei Weingläsern, einem aufgeschlagenen Gartenbuch, einem Mörser mit Lavendel dekoriert ist, das Ganze noch mit ausgestreuten Rosenblättern garniert. Ob der Besucher glauben soll, der Hausherr habe soeben den Wein dekantiert, seine Frau habe ihm gerade aus dem Gartenbuch vorgelesen und derweil etwas Lavendel gemörsert, bevor sie eilten die Besucher zu empfangen? 
Vielleicht eine Land- Zeitschrift aus dem inzwischen überbordenden Angebot zu viel gelesen? Der ultimative von Pfennigschmidt beanspruchte Titel jedoch fehlt noch… Land Unter. Wo wir von den neu zu entdeckenden alten Heringsrassen läsen und die besten Pflanztipps bei Ebbe erführen. 
Im Reich der Stauden würde Pfennigschmidt sich als "ortsfeste Begleitstaude mit geringem Geselligkeitsbedarf" einordnen, dennoch zeigte er sich live vor Publikum als begabter Entertainer. 
Zu recht bemängelte er, dass Gärtner einfach nicht als sexy gelten - sie sind unter den 250 beliebtesten Berufen nicht zu finden (also, bei den Frauen begehrte Männer nach Beruf aufgelistet…). Da wäre wirklich noch Luft nach oben. 

Der Garten der Färbepflanzen Foto© Barbara Ehlert 2015

Nun war es Zeit für die Mittagspause - anstatt Gulaschkanone gab es riesige Töpfe mit einem kräftigem Eintopf aus "Albleisa" und Gemüse. Überdies die Gelegenheit, die Ausstellung "Scharfe Sachen - die Geschichte der gärtnerischen Schneidegeräte"  im Museum der Gartenkultur anzusehen, an einer Führung mit Dieter Gaissmayer durch die Museumsgärten und den Schaugarten der Gärtnerei teilzunehmen und Tomatensaatgut von Michael Schick zu erwerben oder skurrile Samen von Eckehard Schautz zu bestaunen.
Vom Nachmittagsprogramm erzähle ich vielleicht später noch in einem anderen Post…
Das Bild unten zeigt Dieter Gaissmayer, der ein Herzensprojekt erläutert: "Entsteint euch". Gartenbesitzer dürfen dort ihre Steine aus den Vorgärten abliefern. Bis jetzt hat leider noch niemand die Gelegenheit wahrgenommen.

Foto© Barbara Ehlert 2015


Mittwoch, 4. November 2015

Derek Jarmans Garten in Dungeness

Der Garten des 1994 verstorbenen Künstlers und Regisseurs Derek Jarman war die erste Station auf unserer Reise zu neuen englischen Gärten im September 2015.
In einer Landschaft, in der man mühelos Szenen für "Endzeitfilme" drehen könnte - manche der Mitreisenden fühlten sich spontan an "Mad Max" erinnert - schuf Derek Jarman eine besondere Oase.
Dieser außergewöhnliche Garten ist ein Vorbild für die heutigen Kiesgärten, er inspirierte sogar Beth Chatto zu ihrem berühmten Trockengarten. Nur wurde hier kein Humus abgetragen und Kies herangeschafft, sondern in einer lebensfeindlich und öde wirkenden Umgebung ein Garten angelegt der den Elementen trotzt. 1986 kaufte der an AIDS erkrankte Derek Jarman die alte Fischerkate 'Prospect Cottage' in der Kieswüste auf der Halbinsel Dungeness in Kent. 


'Prospect Cottage' von der Straße aus gesehen  Foto© Barbara Ehlert 2015


"Der Garten entstand beiläufig: Ein Stück vom Meer verwachsnes Treibholz, an dem ein am Strand angetriebener Knöchelknochen steckte, wurde zum Festbinden einer umgesetzten Hundsrose benutzt, und ein bei Ebbe im Sand liegender, länglich geformter Feuerstein sollte einen Meerkohl-Setzling vor unvorsichtigen Tritten schützen. Über das Jahr kamen andere, am Strand aufgelesener Schätze hinzu."
...schreibt Jarmans Partner Keith Collins im Vorwort zu dem Buch "Derek Jarmans Garten". Keith Collins ist der Besitzer von Prospect Cottage, und obwohl der Garten nicht öffentlich ist, kommen die Besucher in Scharen. 


'Prospect Cottage' mit dem Atomkraftwerk im Hintergrund Foto© Barbara Ehlert 2015

Foto© Barbara Ehlert 2015

Feuersteine als Beeteinfassung und als Steinkreis… sie waren der Beginn der Gartengestaltung. Obwohl Derek Jarman sagte, dass er sich in die Trostlosigkeit von Prospekt Cottage verliebt hatte, entwickelte sich der Garten mit den Jahren zu seinem Paradies.

Foto© Barbara Ehlert 2015

"Langsam nahm der Garten eine neue Bedeutung an - wie sich die Pflanzen gegen beißenden Wind und sengende Sonne behaupteten, entsprach Dereks Kampf mit der Krankheit und verkehrte sich dann: während die Blumen erblühten, verfiel Derek immer mehr" Keith Collins

Foto© Barbara Ehlert 2015

"Hinter jedem Garten liegt das Paradies… und einige Gärten sind wahre Paradiese. Meiner gehört dazu" Derek Jarman
Foto© Barbara Ehlert 2015

In diesem Beet wächst hauptsächlich Meerkohl (Crambe maritima), der an die Salzgischt bestens angepasst ist. Eigentlich ist Meerkohl essbar, aber er speichert Radioaktivität stärker als jede andere Pflanze in der Umgebung. 

Foto© Barbara Ehlert 2015

Foto© Barbara Ehlert 2015

Foto© Barbara Ehlert 2015

Foto© Barbara Ehlert 2015

Foto© Barbara Ehlert 2015

Hinter dem Cottage liegt eine geschützte Ecke, die durch den großen Feigenbaum einen fast mediterranen Charakter erhält.
Charakteristisch für den Garten sind die Details aus Strandgut - Steine, durch Salz verrostetes Metall, vom Wasser geschliffenes Holz...

Foto© Barbara Ehlert 2015

Foto© Barbara Ehlert 2015

Foto© Barbara Ehlert 2015

Foto© Barbara Ehlert 2015
Der Blick Richtung Meer...

Foto© Barbara Ehlert 2015
Wer der besonderen Atmosphäre dieser Gegend etwas abgewinnen kann, sollte bei einem Besuch Zeit einplanen sie genauer zu erkunden. Verfallende Boote, Fischerkaten und sogar das Atomkraftwerk bieten überdies viele ausgefallene Fotomotive. "Dungeness ist ein magischer Ort. Wenn Sie ihn besuchen, treten Sie sacht auf, denn viele leben hier wegen der Einsamkeit und Ruhe, die damals Derek so angezogen hat und die jetzt mich hier hält" schreibt Keith Collins als letzten Satz in seinem Vorwort zu Derek Jarmans Gartenbuch. 

Meine Empfehlung: "Derek Jarmans Garten", in dem Derek Jarman selbst über das Werden des Gartens erzählt. Der Fotograf Howard Sooley hat ihn dabei begleitet. Von der deutschen Auflage sind noch einige gebrauchte Exemplare erhältlich. 
Auch in dem Buch "Blackbox Gardening" ist der Garten eingehend beschrieben. 
Link zu einem lesenswerten Artikel von Alice Foyler: "Planting on the Edge in Derek Jarmans Garden"
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